Umgang mit DDR-Architektur I Hörbeitrag Potsdams Abschied vom Preußen-Kult? - arcguide.de

Umgang mit DDR-Architektur I Hörbeitrag

Potsdams Abschied vom Preußen-Kult?

(Landeshauptstadt Potsdam, Barbara Plate)
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»Potsdams Abschied vom Preußen-Kult? – Umgang mit DDR-Architektur« – Das Terrassenrestaurant „Minsk“ in Potsdam gehört zu den interessantesten Bauten der DDR. In den letzten 20 Jahren stand das Gebäude allerdings leer und verfiel. Nun will der Unternehmer Hasso Plattner das Gebäude kaufen, den Originalzustand wieder herstellen und dort ein Museum für DDR-Kunst einrichten.

Michael Köhler: Die Stiftung des Software-Milliardärs Hasso Plattner will in Potsdam ein Museum für DDR-Kunst einrichten. Nach dem Barberini wäre es das zweite Museum der Stiftung in der Stadt. Das ehemalige Terrassen-Restaurant „Minsk“ aus DDR-Zeiten soll dafür saniert werden. Neben dem künftigen Museum soll auch in Neubauten preiswerter Wohnraum entstehen. Das verfallene Terrassenrestaurant der DDR soll verkauft werden. Lange Zeit war geplant, das verfallene Restaurant abzureißen. Die Stadtverordnetenversammlung hatte die Abrisspläne erst im vergangenen Jahr gestoppt. Jetzt soll bis Mai über den Verkauf entschieden werden. Architekturkritiker Nikolaus Bernau, was ist das Besondere am „Minsk“?

Nikolaus Bernau: Das Besondere ist vor allem, dass man es praktisch sofort sieht, wenn man aus dem Hauptbahnhof von Potsdam herauskommt. Dann entdeckt man heute so eine Art Ruinenarchitektur, anders kann man das kaum bezeichnen. Das Gebäude ist seit 2004 leergezogen, seitdem regelrecht geplündert worden. Es sind wahrscheinlich alle Fensterschieben kaputt inzwischen, es hat auch reingeregnet. Also: Es ist ein sehr beschädigter Bau, der aber sehr interessant ist, weil er 1971 bis 1977 entworfen wurde als eine Art Stadtkrone. Mit den großen Fenstern des Restaurantbereichs hat dieser Bau bis weit in die Innenstadt von Potsdam hinein geleuchtet. Dieses Café-Restaurant „Minsk“ ist in gewissem Sinne ein Rest einer ursprünglichen Planung, die heute noch in Ansätzen erlebbar werden kann, wenn man sich den Bau anguckt. Und es ist außerdem wirklich tolle Architektur.

Gute DDR-Bauten werden meist abgerissen

Köhler: Was erwidern Sie, wenn jemand sagt, da verschwinde mit diesem Plan fürs Museum DDR-Geschichte und Ostmoderne?

Bernau: Nein, das ist völliger Unsinn. In Potsdam gibt es reichlich DDR-Geschichte, und es gibt auch noch reichlich DDR-Architektur – vor allem im Wohnungsbau, sehr gutem Wohnungsbau übrigens auch. Was aber doch sehr auffällig ist, sowohl in Potsdam als auch in Berlin, wie überhaupt ganz Ostdeutschland: dass ja immer wieder die richtig guten Architekturen abgerissen werden. Die stehen nämlich – das ist in der DDR nicht anders gewesen als in der Bundesrepublik –  an Stellen, die besonders auffällig sind. Da ging es darum, die Stadt Potsdam als moderne Stadt zu signalisieren. Wenn dort dieser Bau verschwände, dann verschwände dort wieder mal ein Bau, der Qualität hat. Und nicht eine nebensächliche Architektur.

Köhler: Was ist nach dem Stand der gegenwärtigen Planung zu erwarten? Heute hat sich ja die Stadt dazu geäußert, dass die Stiftung des Software Milliardärs Plattner ein Museum für DDR-Kunst da errichten will?

Bernau: Ja man muss den Bau zweifellos sehr, sehr sanieren. Es gibt wohl erste Zeichnungen bereits aus einem Stuttgarter Architekturbüro bereits dafür. Zweifellos ist das sehr, sehr aufwändig, nicht zuletzt deswegen, weil dieser Bau natürlich in keiner Form irgendwelchen energetischen Bestimmungen entspricht, die heute gültig sind. Das heißt: Man muss ihn jetzt im Grunde genommen erst mal unter Denkmalschutz stellen und dann ganz hart darauf achten, dass diese ganzen feinen Profile, die zarten Umrahmungen, die weiten Aussichten, dass die alle erhalten bleiben. Weil: In dem Moment, in dem die weg sind, ist diese Architektur dann auch einfach zerstört.

„Da kann wirklich was Spannendes entstehen“

Bernau: Andererseits solle es eben ein Museum werden. In einem Museum sollte möglichst nicht zu viel Licht drin sein, nicht zu viele UV-Strahlen reinkommen. Das heißt: Man wird nicht umhin kommen, in diese sehr luftige Architektur andere Architekturen einzubauen, leichte Sachen, um den Sonnenschutz herzustellen. Dafür gibt es aber durchaus Modelle inzwischen, beispielsweise das „Café Moskau“ in Berlin, das ist hervorragend saniert worden, indem man einfach ein bisschen verzichtet hat auf Energieeinsparmaßnahmen. Muss man eben auch in Kauf nehmen bei wichtigen Sachen, und dann kann man da zweifellos einen ganz tollen Museumsbau draus machen. Mit herrlicher Aussicht auf die Stadt und im Grunde auch mit Einsichten von der Stadt in das Gebäude. Dafür ist es ja mit geplant gewesen.

Köhler: Braucht Potsdam ein DDR-Museum?

Bernau: Das ist durchaus die Frage. Also, ein DDR-Museum ist immer eine schöne Angelegenheit. Aber hier geht es ja darum, dass dort ein Museum der DDR-Kunst entstehen soll. Die DDR-Kunst ist eine zweifellos zeitlich abgeschlossene Epoche; es gibt jetzt noch die Nachzuckungen durch die Leipziger Schule. Alles dieses findet sich in allererster Qualität in der Sammlung von Hasso Plattner. Aber ob das alleine genügen würde, das ist durchaus zu fragen. Allerdings muss man sagen: Plattner hat es mit seinen Mitarbeitern geschafft, im Palazzo Barberini in Potsdam selbst, also in der Altstadt, ein Museum zu installieren, das derzeitig sehr viel spannender ist, als alles das, was zum Beispiel in Berlin in der Nationalgalerie passiert. Das heißt, gerade bei diesem Mäzen kann man davon ausgehen: Da kann wirklich was Spannendes für Potsdam entstehen, was über die Stadt hinaus wirkt und sie gleichzeitig ein bisschen befreit aus diesen ewigen Kult um die Preußischen Könige und Friedrich den Großen.

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