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Metamorphosen der Doblerstraße 21 in Tübingen von DANNER YILDIZ

Büro | Tübingen | Danner Yildiz Architekten
Metamorphosen der Doblerstraße 21

Ganz im Sinne nachhaltiger Nachverdichtung entstanden in der Tübinger Innenstadt durch Umbau und Erweiterung eines ehemaligen Verwaltungsgebäudes zehn Wohnungen und 1.490 m² Bürofläche. Dabei blieb die Bausubstanz aus den 60er Jahren und somit auch die darin gespeicherte graue Energie größtenteils erhalten. Ebenso gelang die von der Stadtverwaltung angestrebte Verbindung von Wohnen und Arbeiten, zentrumsnah, mit kurzen Wegen.


Das erhöht über dem Universitätsgelände gelegene Gebäude des Landratsamts hatte nach Umstrukturierungen der Verwaltung über lange Zeiträume hinweg leer gestanden. Es war stark sanierungsbedürftig geworden und sollte schließlich, nachdem es von Künstlern für eine Weile als „Kunstamt“ mit Atelierräumen betrieben worden war, einem Neubau weichen. Die Architekten Florian Danner, Abdul Yildiz und ihr Mitstreiter, der Lichtdesigner Jens Maier, konnten das Gebäude erwerben und bauten es 2014 mit kostengünstigen Mitteln zunächst zu einem Flüchtlingswohnheim um. Die weitere Zwischennutzungszeit bot Gelegenheit für die Anpassung des Baurechts über einen Vorhaben- und Erschließungsplan. Nach der Genehmigung von Aufstockung und Erweiterung konnte das Haus erneut unter Beweis stellen, wie sich seine solide Bauweise und die klare Struktur hervorragend auch für grundverschiedene Nutzungen eignen.

Der Stahlbeton-Skelettbau wurde auf Rohbauniveau zurückgeführt. Um helle, weitläufige Arbeitsräume für die Planungsbüros der Bauherren (Danner Yildiz Architekten und Maierlighting) zu erhalten, wurden einige Zwischenwände und die Fertigteil-Brüstungen entfernt. Raumhohe Verglasungen sorgen nun für ein Maximum an gleichmäßigem Nordlicht und malerische Aussicht auf die Tübinger Innenstadt. Die Nordausrichtung des gesamten Gebäudes gerät durchaus nicht zum Nachteil, schließlich bleiben die Räume in den langen Sommermonaten sonnengeschützt und kühl, aufwendige, den Blick behindernde Verschattungen und Kühltechnik konnten entfallen.

Die Konstruktion aus den 60er Jahren vertrug auch problemlos die Aufstockung um zwei Wohngeschosse in Leichtbauweise. Dabei kamen die Vorzüge der Präfabrikation zum Tragen: Innerhalb von zehn Tagen war der Rohbau aus einem Stahlskelett mit eingelegten Massivholzdecken fertiggestellt.

Die beiden aufgestockten Geschosse sind von der bestehenden Fassadenebene deutlich nach hinten abgesetzt, um Raum für Dachterrassen zu bilden und das ganze Gebäude aus der Fernsicht weniger massiv erscheinen zu lassen. Bergseitig ragen die Wohnebenen über den Bestand hinaus, gestützt von einem Stahlbetonraster in den Abmessungen des Bestandsbaus. Es bildet einen eigenen Raum für die offen geführte Erschließungszone. Beim Begehen der frei eingehängten Treppenläufe, Brücken und Podeste stelltsich durch die Nähe des Bewuchses und des anstehenden Felses ein Erlebnis von Natur und Witterung ein. Aber auch der Gegensatz von solidem Material zur Offenheit der Baustruktur reizt die Sinne, ebenso wie das Erleben aller drei Raumdimensionen in der Bewegung.

Zur Straße hin ist die Bedeutung des Eingangs durch eine schräg angeschnittene Gebäudefuge architektonisch feinsinnig inszeniert. Sie leitet über eine Rampe barrierefrei in den überdachten bepflanzten Innenhof. Obwohl der Rohbau des Bestands fast vollständig erhalten blieb, ist das Gebäude kaum wieder zu erkennen. Mit seiner neuen Erscheinungsform bricht es mit Sehgewohnheiten, macht neugierig und überrascht; es hat sich von einem gewöhnlichen Verwaltungsbau zu einer Architektur mit einer ganz neuen Identität gewandelt. Baustruktur und Grundstück erfuhren durch die gestalterische Aufwertung, die sinnfällige Weiter- und die Mehrfachnutzung ein regelrechtes Upcycling. Städtebaulich fügt sich das Projekt wie selbstverständlich in die Umgebung mit den fünfstöckigen Geschosswohnungsbauten ein. Es schließt eine bis dato kaum genutzte Baulücke in der Innenstadt, indem es die Grundstückstiefe für einen zweiten Gebäudeflügel nutzt. Dieser schließt kompakt und ebenso energieeffizient konzipiert direkt an und bietet Raum für sieben großzügige Wohnungen, eine Tiefgarage und eine weitere Gewerbeeinheit für die Universität Tübingen.

Zum Energiekonzept gehört der hochwertige Vollwärmeschutz, hinter dem die Bestandsstruktur nun versteckt liegt, und mit dem in den Wohnungsgeschossen der Standard KfW 40 erreicht wurde. Die Wärmeversorgung erfolgt über die Fernwärme der Stadtwerke Tübingen, die aus Kraft-Wärme-Kopplung und regenerativen Energien gewonnen wird und mit sehr gutem Primärenergiefaktor und geringem Schadstoffausstoß punktet.

Wohndesign

Die von den Bauherren selbst genutzten Wohnungen verfügen jeweils über eine direkte Anbindung an die darüberliegende Dachfläche, die mit begrünten Dachterrassen und Outdoor-Küchen eine unerwartete Oase inmitten der Stadt bietet.

Einige der zuvor ausgebrochenen Materialien konnten bei der Ausgestaltung der Innenräume wiederverwendet werden, etwa Specksteinplatten und Glasbausteine, denen durch den Einbau in eines der privaten Bäder gestalterisch sogar ein höherer Wert zukommt als zuvor und bei denen genauso ein Upcycling gelang wie bei den Registraturregalen, die nun in der Ankleide als Kleiderschrank dienen.

Die oberste Wohneinheit ist eine Einraumwohnung. In der großzügigen Fläche steht ein holzverkleidetes Möbel, in dem alle Funktionen und sämtliche technische Gebäudeausstattung untergebracht sind: Gebündelt und versteckt finden sich hier die Lüftungs- und die Sound-Anlage, Elektro- und Heizverteiler samt der dazugehörigen Bedientableaus, dazu gibt es viel Stauraum, etliche Schubfächer, Schiebetüren, mit denen sich Bereiche abtrennen lassen, Klappen und Türen, die beispielsweise zu Toilette, Garderobe oder ins Dampfbad führen.

Ungestört von technischen Applikationen fließt der Wohnraum um dieses Möbel herum und strahlt eine angenehme Ruhe aus. Dazu trägt auch die Verkleidung mit einer schallabsorbierenden Akustikwand aus Eichenholzlamellen (Fabrikat Lignotrend) bei.

In dieser Wohnung merken wir wieder, wie relevant neben Raumproportion und Materialität die Akustik und das Licht für ein angenehmes Raumgefühl sind. Da wir Architekten immer komplexere rechtliche und technische Anforderungen zu erfüllen haben, laufen wir Gefahr, unseren Fokus hierauf zu verlieren. Das Licht hat Maierlighting konsequent so geplant, dass die Leuchtmittel kaum wahrnehmbar sind und somit nicht das Beleuchtungsobjekt im Vordergrund steht, sondern das Licht selbst. Dies unterstreicht die minimalistische Anmutung und Ruhe der Räume.

Text: A. Geissinger


Standort: Doblerstraße 21, 72074 Tübingen

Architektur: Danner Yildiz Architekten, Tübingen
Statik: Ingenieurbüro Mildner, Tübingen
Lichtplanung: Maierlighting
Elektro: Klaus F. Becker, Albstadt
Geologie: Büro für angewandte Geowissenschaften, Tübingen
Freiraumplanung: Fromm Landschaftsarchitekten
Brandschutz: mhd, Ulm
Heizung, Lüftung, Sanitär: Ingenieurbüro Ulmer, Mietingen




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