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Gustav-Heinemann-Gesamtschule Essen-Schonnebeck | SEHW Architekten

Bildung | Essen | SEHW
Entlang des Schulboulevards

Essen Schonnebeck, ehemaliger Bergbaustadtteil im Norden von Essen. Das Quartier ist geprägt von großflächiger Wohnbebauung und dazwischen aufragenden Fördertürmen, die den Betrachter nicht vergessen lassen, dass unter dem gesamten Quartier ein großes Netz aus Schächten und Gruben verborgen ist. Der Neubau der Schule in Essen wird ein attraktiver Aufenthaltsort für Lernende und Lehrende aber auch für die Bewohner des Stadtteils Schonnebeck.

Wie gelingt der Region und dem Bezirk der Wandel von der Arbeitersiedlung zu einem modernen Quartier? Die Zeche Zollverein in Sichtweite gibt eine Antwort. Das Ruhr Museum zieht jährlich (in nicht pandemischen Zeiten) fast eine halbe Millionen Besucher an und steht als deutliches Wahrzeichen für den Strukturwandel in der Region. Unsere Gustav- Heinemann-Gesamtschule wird eine weitere Antwort sein.

Stadtteiloffenheit

Das Gebäude mit seinen weitläufigen Außenanlagen wird künftig nicht nur für die Nutzer der Schule, insgesamt 110 Beschäftigte und 1.300 Schüler und Schülerinnen, sondern auch für die Bewohner des Stadtteils einen Mehrwert bieten. Die integrierte Stadtteilbibliothek, das Forum, die Mensa und Aula sowie einzelne Fachräume stehen auch dem Stadtteil zur Verfügung. Diese Räume sind vielfältig nutzbar und bieten hinreichende Möglichkeiten zur Begegnung, Kommunikation oder themenbezogenen Arbeit im Stadtteil. Sie sind gut zu erreichen und leicht zu erkennen. Der attraktive Vorplatz des Haupteinganges bildet den Auftakt des Gebäudes und verleiht dem Schulneubau einen Charakter von Offenheit und Willkommen sein. Das neugestaltete Außengelände ist Treffpunkt und lädt zum Skaten, Biken oder Fußballspielen ein. Die charakteristische Hornrandbrille von Gustav Heinemann ist als augenzwinkernde Betonskulptur Bestandteil der Platzgestaltung.

Das Gebäude

Das Gebäude für die Gustav-Heinemann Gesamtschule in Essen wurde als Gebäudevolumen in differenzierte Bau­körper aufgelöst. Durch eine strenge Gliederung entstanden klar definierte Außenräume des Schulcampus. Der ­Versatz der einzelnen Gebäudeteile sorgt für eine maßstäbliche ­Einordnung in das städtebauliche Umfeld. Die Verschiebung der beiden südlichen Gebäudeteile schafft eine gut erkennbare Eingangssituation, die mit ihrem Vorplatz den Auftakt und die Adresse des neuen Schulareals darstellt. Richtung ­Osten entstand im Zusammenspiel mit den Bestands­bauten der Turnhallen ein großer Schulhof. Im Westen schützt die Gebäudefigur die benachbarte Wohnbebauung vor dem Lärm der Außen- und Pausenbereiche.

Die klare außenräumliche Struktur setzt sich im Inneren fort. Die Gliederung der Gebäudefigur spiegelt die innenräumliche Organisation wider. Thematisch geordnete Raumfamilien werden in Gebäudeeinheiten zusammengefasst und über eine zentrale Erschließungsachse miteinander verbunden. Der Vorplatz als Treffpunkt und Auftakt für das Gebäude geht fließend in das zweigeschossige Forum über. Das Forum ist ein vielfältig nutzbarer, kommunikativer Raum für Versammlungen jeglicher Art. Hier schlägt das Herz der Schule. Die Aula und die Bibliothek reihen sich um das zentrale Forum und komplettieren den mit gemeinschaftlichen Nutzungen belegten südlichen Teil des Schulneubaus. Die in Nord-Süd-Richtung verlaufende zentrale Achse, der „Schulboulevard“ sorgt für eine einfache und übersichtliche Orientierung und Verbindung der einzelnen Funktionsbereiche miteinander. Die wechselseitige Anordnung der Clustereinheiten erzeugt eine abwechslungsreiche und gut belichtete Durchwegung des Gebäudes. Im Erdgeschoß verzahnen sich Innen- und Außenraum auf vielfältige Art und Weise. Der Pausenhof verbindet sich großzügig mit dem Schulgebäude, Mehrzweckraum und Mensa besitzen direkt zugeordnete, unabhängig voneinander nutzbare Außenbereiche. Der Bereich Kunst/Werken erhält einen Werkhof.

Lernen 3.0. Organisation und Cluster

Informelle Lernbereiche, das Gebäude als dritter Pädagoge, Außenbezüge und Interaktion mit der Stadt, das sind Anforderungen der modernen Pädagogik, der wir uns bei der Planung von Bildungseinrichtungen verpflichtet fühlen.

Neben den bereits erwähnten Stadtteilbezügen und informellen Lernbereichen spielen die Cluster eine zentrale Rolle in der Umsetzung der pädagogischen Anforderungen in Architektur.

Sie sind die organisatorisch und pädagogisch bestimmende Raumgruppe und die baulich dominierenden Volumen. Die Cluster reihen sich als ablesbare „Jahrgangs- oder Lernhäuser“ entlang des Schulboulevards. Sie bilden eigenständige Raumfamilien. Sie sind die Heimatbereiche für die verschiedenen Altersgruppen. Die Klassen und Informellen Lernbereiche eines Clusters gruppieren sich um je einen Hof, was eine gute Orientierung und Belichtung der Flurbereiche garantiert.

Im Zentrum eines jeden Clusters befinden sich die Gruppenräume, die zum Flur erweitert werden können. In diesem Bereich entstehen differenzierte Raumzusammenhänge für individuelle Lernformen und großzügige Aufenthaltsbereiche.

Der Bibliothek kommt als öffentlich genutzter Bereich der Schule eine besondere Bedeutung zu. Gut auffindbar befindet sie sich dem Stadtteil zugeordnet im südlichen Teil des Schulneubaus. Die Bibliothek stellt das Verbindungsglied zwischen Stadt und Schule dar und erhält sowohl durch ihre Anordnung als herausgestellter Baukörper, als auch in ihrer Materialität eine besondere Ausformulierung. Die Terrassierung im Außenraum wird innenräumlich aufgenommen und sorgt für eine besondere Raumatmosphäre.

Die Aula wurde abgesenkt, um mehr Raumhöhe zu erzielen. Das zweigeschossige Forum ist das Herz der Schule und Raum für Veranstaltungen verschiedenster Art. Das leichte Gefälle in diesem Bereich sorgt für eine spannungsvollen Übergang in den direkt angebundenen Mehrzweckraum, der dadurch gleichzeitig eine angemessene Raumhöhe erhält. Der Mehrzweckraum ist unterteilbar und kann zusätzlich mit dem Forum zusammengeschaltet werden. Die Mensa befindet sich ebenfalls in Nachbarschaft der anderen gemeinschaftlichen Nutzungen und erhält eine direkt zugeordnete Terrasse Richtung Süden.

Beton und Ziegel, Licht, Holz und Farbe

Der Neubau erhält eine robuste Mauerwerksfassade aus hellem, geschlämmtem Klinker, der als einheitliches Kleid die Baumassen beruhigend zusammenfasst. Eine strenge Ordnung großer Fensterelemente als Holz-Aluminium-Konstruktionen gliedert die obergeschossigen Klassen- Fachraumfassaden. Auch der Innenbereich wird durch die gezielte Verwendung von Holzwerkstoffen atmosphärisch aufgewertet. So erhalten einige Räume neben einem widerstandsfähigen Industrieparkett Holz-Glas-Elemente als Türen sowie Einbaumöbel aus Birkensperrholz und eine Decke aus Holzlamellen für die Raumakustik.

Neben den eben genannten Materialen sorgen der gezielte Einsatz von Tageslicht und Farbe für Atmosphäre und gute Orientierung. Die großen Fensteröffnungen, Innenhöfe und die großzügig verglasten Eingangsbereiche sorgen für einen tiefen Tageslichteinfall und eine optimale natürliche Belichtung. Die Farbigkeit wurde als integraler Bestandteil geplant. Dazu bedienten wir uns der Farbkollektion Le Corbusiers von 1959. Auf der Grundlage der Polychromie Architecturale wählten wir fünf harmonierende Farben. Jede wurde einem Cluster zugewiesen und in große Piktos, farblich akzentuierte Eingänge und Treppenaufgängen umgesetzt. Dadurch entsteht nicht nur eine freundliche Stimmung, sondern auch leichte Orientierung im Gebäude.

Sehws Beitrag zur Nachhaltigkeit

Das Gebäude der Schule wurde in Anlehnung an die Passivhausbauweise geplant und realisiert, wodurch die EnEV 2016 um 20% unterschritten wurde. Im Anschluss an die kürzlich erfolgte Fertigstellung erfolgt der Zertifizierungsprozess nach BNB, der auch während der Planung einen große Rolle spielte. Ziel ist die Zertifizierung „BNB Silber“. Neben Energieeffizienz finden hier auch weitere Themen wie Ökologie, Wirtschaftlichkeit, soziokultureller Mehrwert, Architekturqualität und Prozessqualität Beachtung, die Kriterien des sehw Nachhaltigkeitskompass. Das Ergebnis ist ein energieeffizientes, nachhaltiges Gebäude, bei dem alle Phasen von der Planung über die Errichtung und den Betrieb bis hin zum Rückbau, optimal konzipiert wurden.

Aufgrund der massiven Bauweise und der hybriden Lüftung konnte auf aufwendige Technologien verzichtet werden. Das Low-Tec-Konzept setzt nur die notwendigen Technologien ein, die zur Einhaltung der CO2-Performance erforderlich sind. Ein hoher konvektiver Luftaustausch (Stoßlüftung) erfordert eine entsprechende Heizungsanlage, deren Heizwärme durch Erdgas-Brennwertthermen erzeugt wird. Das Gebäude wird passiv gekühlt. Dazu kommt ein individuell steuerbarer außenliegender Sonnenschutz zum Einsatz. Zur Hitzeabfuhr im Sommer erfolgt eine Nachtauskühlung über die raumlufttechnische Anlage. Durch das Energiekonzept kann eine Reduktion der CO2  – Emissionen die gesetzlich geforderten Standards um ca. 35 % übertreffen.

Der Neubau der Schule wurde als Mischbauweise von Mauerwerk und Stahlbeton geplant. Durch die Clusterstruktur der Klassenzimmer und Büroeinheiten kann mit Ausführung einer tragenden Flurwand eine wirtschaftliche Bauweise mit Halbfertigteilen für die Deckenkonstruktion ermöglicht werden. Die Trennwände zwischen den einzelnen Klassenräumen wurden nichttragend geplant. Dadurch wird auch während der Nutzungsdauer die Möglichkeit gegeben, die Trennwände flexibel zu positionieren und die Räume alternativ aufzuteilen.

Gründächer mit extensiver Begrünung sorgen für einen optimalen Hitzeschutz im Sommer und eine zusätzliche Wärmedämmung im Winter, sodass auch hierdurch ein Beitrag zur Energieeinsparung geleistet wird. Diese Begrünung ist mit geringem Aufwand herzustellen und muss nicht zusätzlich bewässert werden. Der Dachbegrünungsaufbau schützt die Dachabdichtung, wodurch die Instandhaltungs- und Betriebskosten gesenkt werden. Zudem speichert der Aufbau überschüssiges Wasser und gibt dieses über die Verdunstungsprozesse wieder an die Umgebungsluft ab. Hierdurch entsteht ein Abkühlungs- und Befeuchtungseffekt der Umgebung und auch der unterhalb des begrünten Daches liegenden Räume.

Das Projekt wurde bereits vor seiner Fertigstellung mit mehreren Preisen ausgezeichnet, und in best practice Veröffentlichungen hervorgehoben. So erhielt sehw für das Projekt 2017 den „BUILD AWARD Best Educational Facility Design – Germany“ und 2020 den Preis als Energieeffizientes Nichtwohngebäude der Landesregierung NRW und wurde im „LOGbuch No.1“ der IBA Heideberg veröffentlicht.


Gustav-Heinemann-Gesamtschule

Bauherr: Stadt Essen Immobilienwirtschaft
Design Team: Matthias Gall, Maija Gavare, Karoline Hietzschold, Martin Krüger-Holdack, Víctor Maquílon Yelo, Eva Poggenklaß, Birgit Winkelmann
BGF: 18.610 m²
Baukosten: 56,8 Mio. Euro
Fertigstellung: 2021




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