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Heimat für die dritte Lebensphase

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Rhein-Mosel-Klinik, Andernach

Unsere Gesellschaft wird immer älter und der Bedarf an Pflegeeinrichtungen steigt. Daher müssen sich Betreiber von Alten- und Pflegeheimen die Frage stellen, wie auch baulich ein angenehmes Umfeld geschaffen werden kann. Wer hier als gestaltender Handwerker für das Farbkonzept zuständig ist, muss ein Feingefühl für die Bedürfnisse alter Menschen entwickeln und sich von überkommenen Farbklischees verabschieden.

Um 1900 erreichte etwa jeder dritte von 100 Menschen das 65. Lebensjahr. Heute werden deutsche Männer durchschnittlich 79 Jahre und Frauen sogar 82 Jahre alt. Prognosen besagen, dass im Jahr 2030 jeder Dritte über 60 sein wird. Allerdings werden diese Senioren dann, genauso wie bereits heute, nicht durchweg gebrechlich sein. Tatsächlich sind 80 Prozent der über 70-Jährigen heute zu einer weitgehend selbstständigen Lebensführung in der Lage. Doch was ist mit den anderen aktuell 20 Prozent der älteren Menschen, die sich nicht mehr selbst versorgen können?

> Pflegeplatzbedarf erhöht sich
Die immer höhere Lebenserwartung ist dafür verantwortlich, dass auch die Zahl der Menschen mit großem Hilfe- und Pflegebedarf jenseits des 80. Lebensjahrs zunimmt und in Zukunft noch stärker zunehmen wird. Starke körperliche Eingeschränktheit und vor allem Demenzerkrankungen sind Gründe, einen Platz im Pflegeheim als letzte Alternative zu sehen. Schon heute stellen Demenzkranke mit aktuell rund 60 Prozent den größten Anteil der Pflegeheimbewohner. Heute lebt rund eine Million Demenzkranke in Deutschland, bis 2050 wird sich diese Zahl verdoppeln. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe schätzt, dass bis dahin rund 800.000 neue Pflegeplätze geschaffen werden müssen.

> Das richtige, farbige Umfeld schaffen
Allein diese hohe Zahl macht deutlich, wie wichtig eine angemessene Versorgung von Altersdemenzkranken in einem geeigneten baulichen Umfeld ist. Dazu gehört auch ein für Demenzkranke geeignetes Farbkonzept. Wer in diesem Bereich mit Farbe gestaltet, findet ein spannendes und sinnvolles Arbeitsfeld vor – und viel Bedarf. Farbgestalterin Andrea Schmidt vom Brillux Farbstudio Münster hat sich wie ihre Kollegen in den sieben weiteren Farbstudios des Unternehmens bereits in vielen Projekten mit der Gestaltung von Pflegeheimen Auseinandergesetzt und Planer wie Handwerker mit Entwürfen unterstützt. Sie sagt: Will man Alten- und Pflegeheime verantwortungsbewusst gestalten – d. h. mit dem Ziel, den Bewohnern bei der Orientierung zu helfen und ihnen ein Stück Geborgenheit zu geben -, dann geht dies nicht ohne Sensibilität für das Thema. Man braucht auch das Talent, sich in die Realität des Älterwerdens einzufühlen.

> Für alle ein gutes Gefühl
Bei Neubauten von Pflegeheimen wird heute meist von Vorneherein auf praktische und angemessene Grundrisse, strukturierte Gestaltung und viel Tageslicht Wert gelegt. Bestehende Seniorenheime sind erfahrungsgemäß in Bezug auf ihre Wohnqualität auf unterschiedlichen Niveaus. Gerade in der Sanierung macht es daher Sinn, neue Ideen zur Verbesserung der Strukturen und des gesamten Erscheinungsbilds der Einrichtung zu schaffen. Hier tut sich für das Malerhandwerk ein weiter Markt auf. Denn der farblichen Gestaltung, die die Bedürfnisse aller beteiligten Gruppen berücksichtigt, kommt dabei eine große Bedeutung zu. Schließlich ist sie dazu geeignet, einen ersten positiven Eindruck des Hauses zu schaffen. Das ist zum einen für Angehörige wichtig, die sich entschließen müssen, ihre Eltern oder Großeltern in die Obhut der Heime zu geben. Außerdem hat die Farbgestaltung die nicht hoch genug einzuschätzende Aufgabe, den Senioren das Zurechtfinden in der neuen Umgebung zu erleichtern und ihnen ein Geborgenheits- und Heimatgefühl zu geben. In jedem Fall einzubeziehen sind auch die Bedürfnisse des Pflegepersonals. Ein entsprechender Farbentwurf kann auch bei den Beschäftigten für eine positive Atmosphäre sorgen, einen Ausgleich zu ihrem anstrengenden Job schaffen und das Arbeitsklima verbessern. Wer sich dieses Beziehungsdreieck – Angehörige und Besucher, Pflegepersonal und natürlich in erster Linie die Heimbewohner – klarmacht, hat schon den ersten Schritt zu einer gelingenden Farbgestaltung getan: Weil er dann sicher statt auf modische Farbtrends auf eine zielgruppengemäße Farbigkeit setzen wird, die psychologischen und altersphysiologischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt.

> Gedeckte Farben sind von gestern
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, dass so genannte „gedeckte“ Farben die richtige Farbwahl für ältere Menschen sind. Ganz im Gegenteil!, weiß Andrea Schmidt. Denn das Farbsehvermögen nimmt im Alter ab. So können z. B. bestimmte Weinrottöne nur noch als Schwarz wahrgenommen werden. Auch Farbtöne gleicher Helligkeit, aber unterschiedlicher Buntheit, werden nicht mehr unterschieden. Hintergrund ist, dass altersbedingt die Helligkeitsharmonie gegenüber der reinen Farbharmonie steigt. Man kann diesen Effekt der vermehrten Grautonwahrnehmung ganz einfach simulieren, indem man die Augen etwas zukneift. Sieht man dann im Farbentwurf keine oder nur schwache Unterschiede zwischen den einzelnen Tönen, sollte die Auswahl überdacht werden. Insgesamt sollte die Farbwahl also durchaus intensiver ausfallen, mit einem Spektrum, das Lebensfreude und Wärme vermittelt, ohne dabei aufdringlich und bunt zu wirken.

> Vergangene Farbtrends zitieren
Kennzeichnend für die Demenzerkrankung ist, dass die Betroffenen mehr und mehr in der Erinnerungswelt ihrer Vergangenheit leben – ein unumkehrbarer Prozess. Ein neuer Ansatz bei der Arbeit mit Demenzkranken ist daher, ihnen statt der für sie verwirrenden aktuellen Designs und Farben ein Wohnumfeld zu bieten, das Elemente dieser längst vergangenen Zeiten zitiert, um ihr Bewusstsein und ihre Wahrnehmung wieder in Einklang zu bringen. Das bedeutet für die heutige demente Patientengeneration, bei Gestaltung und Möblierung auf Trends der 40er-, 50er- und 60er-Jahre zurückzugreifen. Ohrensessel, Nierentischchen, Tapetenornamente in floraler und Streifenoptik sowie Farbharmonien, wie sie vor 50 Jahren aktuell waren, leisten hier die besten Dienste im Sinne der Bewohner. Im Dortmunder Altenzentrum St. Hildegard wählte Architektin und Farbgestalterin Susanne Kreitschmann eine entsprechende Möblierung und Wanddekoration und machte vor, dass sich Frische und bewohnergerechte Rückbezüglichkeit auf Vertrautes sehr gut in Einklang bringen lassen.

> Farbige Orientierung
Fast jeder ältere Mensch ist von Seheinschränkungen betroffen. Durch die Trübung des Auges beispielsweise kann nur punktuell scharf gesehen werden; zudem ist oft das Gesichtsfeld eingeschränkt. Daher sollte man bei Leitsystemen deutlich erkennbare, große Symbole und Gestaltungen verwenden sowie auf Kontraste achten, die auch mit schwacher Sehkraft noch wahrnehmbar sind. Der Sehverlust hat auch einen psychologischen Effekt: Man fühlt sich unsicherer im Raum, der Überblick geht verloren. Die Umgebung wird dann nicht mehr als Ganzes erfasst, sondern muss Punkt für Punkt erschlossen werden. Für die Gestaltung hat das mehrere Konsequenzen: Säulen oder Stützen, die im Laufweg stehen, sollten in Pflegeeinrichtungen im Raum nicht wie üblich farblich kaschiert, sondern betont werden, um als Hindernisse rechtzeitig erkannt zu werden. Hier kann und soll Farbe leiten. Dasselbe gilt bei der Kennzeichnung der Türen. Drei grundlegende farbige Differenzierungen haben hier großen Sinn: Die Türbereiche zu den Bewohnerzimmern sollten sich deutlich von denen der Gemeinschaftsräume unterscheiden, wobei beide in anziehender, einprägsamer Farbigkeit gestaltet sein sollten. Ganz anders die dritte Kategorie, die Türen zu den Versorgungsräumen, die für die Bewohner tabu sind. Sie werden der Wahrnehmung ganz einfach durch einen weißen oder hellgrauen Anstrich entzogen, der sich am besten noch dem Wandton unterordnet und natürlich die Zargen unbetont lässt. Sicherheit geben sollte man den Pflegeheimbewohnern auch mit der Wahl des Bodens. Er sollte tragend gestaltet sein, in mittleren bis dunklen Tönen ohne auffällige Muster. Dringend empfiehlt Andrea Schmidt auch, auf umlaufende Friese in Flurfußböden oder große Helligkeitsunterschiede zwischen Bewohnerzimmer- und Flurfußboden zu verzichten: Aus der Praxis kennen wir einen Fall, in dem diese kontrastreiche Fußbodengestaltung dazu geführt hat, dass sich die Bewohner nicht mehr aus dem Zimmer getraut haben. Sie haben den Fries als unüberwindliches Hindernis wahrgenommen. Das entsprechend gestaltete Geschoss ist daher heute eine reine Pflegeetage für Bettlägerige.

> Behagliche Räume gestalten
Beim Bewohnerzimmer findet der Farbgestalter meist einen quadratischen Grundriss des Wohnraums, in den ein Sanitärkubus integriert ist. Es bietet sich an, die beiden Wände des Sanitärkubus in einer mittel getönten Farbe zu betonen, mit ihr den Raum zu gliedern und sie behaglich zu machen. Das hat den Nebeneffekt, dass die Tür zum Flur und die zur eigenen Sanitärzelle nicht mehr verwechselt werden kann, zumal sie zumeist gegenüber liegen. Bei Bettlägerigen sollte man darauf achten, ihnen entsprechende Blickpunkte zu schaffen, z. B. durch einen Fries oder ein Band unterhalb der Decke oder ein senkrechtes Farbband an der gegenüberliegenden Wand. Auch eine Applikation an der Decke gehört dazu: Denkbar sind ein Profil, ein Farbspiegel, ein umlaufendes Band oder Felder mit Wischtechnik genauso wie ein Deckensegel. Letztere Maßnahme schrumpft zudem die Höhe des Raumes auf ein für einen Bettlägerigen erträgliches, Geborgenheit gebendes Maß.

> Erlebnispunkte schaffen
Mangelnde Orientierung der Heimbewohner ist in jeder Einrichtung ein zentrales Thema. Hier kann ein sensibles Farb- und Materialkonzept unterstützen: Im Flur sollten Erlebnispunkte geschaffen werden, also Bereiche, in denen die Bewohner die unterschiedlichen Oberflächen sehen und sogar fühlen können. Dieser zusätzliche sinnliche Impuls, z. B. in Form von Reliefs, erleichtert den Weg vom eigenen Zimmer zu den Therapie- und Gemeinschaftsräumen. Lange Flure sollten gegliedert werden, sei es durch architektonische Mittel, wie kleinere Wandvor- oder -rücksprünge, deren Stirnflächen mit Farbe betont und erlebbar werden. Es bietet sich auch an, die Bewohnertür durch einen farbigen türhohen Spiegel zu betonen – am besten auf der Seite der Türklinke und damit im Bereich der Klingel, des Lichtschalters und der Beschriftung, um damit auch der erhöhten Verschmutzung vorzubeugen. Je nach Bewohnerstruktur kann man je Station bzw. Wohngruppe eine einheitliche Farbe wählen oder aber jeder Tür seine eigene Farbe geben, damit sich die Bewohner innerhalb der Etage zurechtfinden. Der Eingang in den Speise- und Gemeinschaftsraum sollte gesondert markiert werden, ebenso die Kommunikationsbereiche. Wo überwiegend Demente wohnen, die sich oft verlaufen und sogar das Heim unverhofft verlassen, versteht es sich von selbst, dass die Treppenhäuser und deren Türen nicht sonderlich betont werden sollten. Ein meist wenig berücksichtigtes Thema sind die Abschiedsräume. Auch hier sollte man auf ein entsprechendes Ambiente achten – auch auf dem Weg dorthin, der nicht den Charakter eines Abstellflurs haben sollte. Statt reinem Weiß kommt den Angehörigen hier in ihren Gefühlen eine bewusst gestaltete, einfühlsame Wandsituation mit entsprechender Beleuchtung viel mehr entgegen. Andrea Schmidt schlägt vor: Wie wäre es mit einer Wischtechnik in Erdtönen oder grünen Spachteltechnik und einem eingearbeiteten Zitat, das der Situation angemessen ist?

> Einfühlsame Farbentwürfe
Viele Ansätze in der beschützenden und therapeutischen Farbgestaltung für pflegebedürftige Senioren sind neu – so neu, dass auch die Betreiber der Heime hier einen großen Beratungsbedarf haben. Sehr positive Erfahrungen hat Andrea Schmidt beispielsweise in Andernach gemacht. Für die Sanierung des 70er-Jahre-Baus wünschte sich der Träger eine pflegeleichte Wandgestaltung mit Floc-System, mit einheitlichen Türen und einfachen Tiersymbolen zur Orientierung. Der Farbentwurf aus dem Brillux Farbstudio Münster wich deutlich von diesem gewünschten, aber überkommenen Raster ab. Nach anfänglicher Skepsis und nach dem Praxistest stieß er jedoch bei allen Beteiligten auf Begeisterung. Die Farbgestalterin wählte einen reichhaltigen Farbkanon aus, der auf die verminderte Farbsichtigkeit der älteren Bewohner abgestimmt war und die vorhandene architektonische Struktur unterstützt. Das Ergebnis: eine sehr lebendige und im besten Sinn farbenfrohe Umsetzung, die für alle Beteiligten funktioniert. Die allesamt dementen Bewohner dieser Station können sich über diese Farbigkeit wirklich weitestgehend orientieren. Für sie verbotene Türen bleiben ungeöffnet. Sie finden den Weg zum Speiseraum über Erlebnispunkte und wieder zurück in ihr Zimmer. Auch die zunächst kritischen Betreuer und Schwestern genießen heute die wechselnden Farbkombinationen in den Zimmern und Gängen und berichten von der aufmunternden Wirkung. Selbst die Angehörigen sind über das Farbspiel erfreut, vermittelt es doch auch Wertigkeit der Pflege und Fürsorge. Ist es nicht genau das, was unsere Arbeit ausmacht – mit der eigenen Arbeit anderen helfen? zieht Andrea Schmidt die positive Bilanz. Ein Beispiel von vielen, das Handwerker und Planer ebenfalls aufmuntern soll, mit dem Multitalent Farbe sinnvolle Akzente im Pflegebereich zu setzen.

eingesetzte Produkte
– Latexfarbe ELF 992
– Impredur Seidenmattlack 880

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