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Ist der Mensch gesund, freut sich der Chef – Interview mit Dr. Martin Braun, Fraunhofer IAO

Haworth GmbH
Ist der Mensch gesund, freut sich der Chef – Interview mit Dr. Martin Braun, Fraunhofer IAO

Erfolgreiche Arbeit braucht ein optimales Umfeld sowie gesunde und motivierte Mitarbeiter. Viele Unternehmen stellen sich darum der anspruchsvollen Aufgabe, der Gesundheit im betrieblichen Kontext einen größeren Stellenwert einzuräumen.

Mit dem aktuellen Strukturwandel von der Industrie- zur Netzwerkökonomie erneuert sich die gesamte Arbeitsorganisation. Während in der Vergangenheit Hierarchien statisch vorgegeben waren, werden diese starren Rangfolgen heute durch flexible Netzwerke ersetzt. Diese Kommunikationsverbindungen gilt es aufzubauen und zu erhalten. Stereotype Tätigkeiten werden durch komplexe Wissensarbeit ersetzt. Diese ist in hohem Maße personen- und kommunikationsorientiert, wird meist in übergreifenden Teams erbracht und ist schwer in vorgegebene Abläufe einzuordnen. Wissensarbeit stellt gänzlich neue Anforderungen an betriebliche Steuerungssysteme, die Organisation von Arbeitsprozessen, die Gestaltung der Arbeitsplätze und der Büroraumumgebung, aber auch an die Führung und Motivation der Mitarbeiter. Wissensarbeit steht für problemlösende Tätigkeiten, bei denen der Lösungsweg weitestgehend unbekannt ist. Um diesen zu finden sind menschliche Fähigkeiten wie Kreativität, Emotion und Intuition gefragt. Unternehmen stehen im globalen Wettbewerb massiv steigenden Anforderungen an Leistungsfähigkeit, Effizienz und Innovationsfähigkeit gegenüber. Aus der Perspektive der Mitarbeiter nehmen Leistungsdruck und Arbeitsdichte zu. Die neuen Formen der Arbeitsorganisation erfordern mehr Zusammenarbeit, Selbstorganisation und kontinuierliche Weiterentwicklung. Diese steigenden Erwartungen machen immer mehr eine qualifizierte Thematisierung der Büro- und Wissensarbeit auch aus gesundheitlicher Perspektive notwendig. Die Gesundheit der Mitarbeiter ist ein Garant für den nachhaltigen unternehmerischen Erfolg und ein wichtiger Treiber für die betriebliche Wandlungs- und Innovationsfähigkeit. In ihrem Buch „Gesundes und erfolgreiches Arbeiten im Büro“ setzten sich Dieter Spath, Wilhelm Bauer und Martin Braun mit genau dieser Thematik auseinander – mit dem Ziel, die Einsicht in die Nutzenpotenziale einer menschengerechten Gestaltung der Wissensarbeit zu fördern und Unternehmen und Einzelpersonen zu einer gesunden, nachhaltig produktiven Arbeitsweise zu motivieren. „Gesundes und erfolgreiches Arbeiten“ beruht auf aktuellen arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen sowie auf umfangreichen praktischen Erfahrungen bei der Gestaltung von Büro- und Wissensarbeit am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, IAO.

Im Interview sprechen wir mit Dr. Martin Braun, der seit 1999 am IAO in der Anwendungsforschung und Beratung tätig ist.

Herr Dr. Braun, das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, beschäftigt sich mit aktuellen Fragestellungen rund um den arbeitenden Menschen – unter anderem auch in Hinblick auf Gesundheit und wirtschaftlichen Erfolg. Welche Forschungserkenntnisse sind in Ihr Buch „Gesundes und erfolgreiches Arbeiten im Büro“ mit eingeflossen?
Unser Buch verfolgt einerseits die Absicht, zeitgemäße Formen der Bürogestaltung einem erweiterten Fachpublikum – auch jenseits der Architektur – vorzustellen. Zum anderen wollen wir die Bedeutung gesunder Arbeit hervorheben, indem wir den Zusammenhang mit Leistung und Motivation aufzeigen. Die aktuelle Diskussion um arbeitsbedingte psychische Belastungen legt ein solches Vorgehen nahe.

Wie hängen Gesundheit und Erfolg bei der Arbeit überhaupt zusammen?
Betrachten wir zunächst die gesundheitlichen Störungen. Aus eigener Erfahrung vermag jeder nachzuvollziehen, dass Leistungsbereitschaft und -fähigkeit im akuten Krankheitsfalle zumindest teilweise eingeschränkt sind – und damit auch unsere persönlichen Erfolgspotenziale begrenzt sind.Wenn wir über gesunde Arbeit diskutieren, so ist zu berücksichtigen, dass etwa zwei Drittel aller Gesundheitsstörungen durch außerberufliche Ereignisse verursacht werden. Dazu zählt der grippale Infekt ebenso wie die individuelle Konstitution.

Andererseits lässt sich jeder dritte Krankenfehltag erfahrungsgemäß auf tätigkeitsbezogene Einflüsse zurückführen: So etwa das Stresserleben infolge unangemessener Handlungsspielräume und Entscheidungskompetenzen, oder der schmerzende Rücken bei andauerndem Bewegungsmangel. Auch das Burn-out-Syndrom führt die medizinische Wissenschaft vor allem auf tätigkeitsbezogene Einflüsse zurück, und weniger auf individuelle Prägungen. Arbeit fördert die Gesundheit, indem sie Orientierung schafft, Sinn stiftet und Identität vermittelt.

Soziale Potenziale in kooperativen Arbeitsformen schützen wirksam vor Erkrankung. Das bedeutet: Die Art und Weise, wie Arbeit gestaltet wird, ist entscheidend, ob ein Mensch an ihr gesundet – oder eben erkrankt. Krankheit deutet immer auch auf die Notwendigkeit hin, die eigene Lebens- und Arbeitsweise zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern.

Was sind die wichtigsten Faktoren, damit sich Menschen am Arbeitsplatz gesund fühlen und dies objektiv auch bleiben?
Die wirksamsten protektiven Faktoren bei der Arbeit sind die soziale Anerkennung und Wertschätzung durch Kollegen und Vorgesetzte, der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung (siehe Abbildung Seite 25). Unterstützung umfasst auch konstruktive Kritik, sofern diese der persönlichen Entwicklung dient. Die gemeinsame Arbeit ist dabei das verbindende Element. Gesunde Arbeit ist herausfordernd und führt zuweilen an die Grenzen der eigenen Leistungsressourcen. Neben Phasen der Aktivität umfasst gesunde Arbeit immer auch Phasen der Regeneration. Kann der Mensch an sinnvoll empfundenen Aufgaben wachsen, so spielen quantitative Belastungseinflüsse wie Arbeitszeit oder -menge oftmals eine untergeordnete Rolle. Die Hirnforschung weist eindrücklich darauf hin, dass gesunde Arbeit auf der Integration komplementärer Prozesse beruht, wie etwa Aktivierung und Hemmung. Die Natur verbindet komplementäre Prozesse durch rhythmische Muster, wie wir sie beispielsweise bei der Atmung oder im Herzschlag erleben: Ausgleichende Rhythmen fördern die Gesundheit.

Der steigende Kommunikationsanteil bei der Arbeit wird von vielen Mitarbeitern als besondere Belastung empfunden. Gleichzeitig ist Kommunikation aber zentraler Bestandteil moderner Wissensarbeit. Wie kann eine Balance gefunden werden?
Klären wir zunächst, was wir unter Kommunikation verstehen. Kommunikation im ursprünglichen Wortsinn bedeutet „teilen, gemeinsam machen“. Sie beschreibt somit das Verbindende in der Arbeitsgemeinschaft. Im modernen Büro dient Kommunikation vor allem dem Informationsaustausch. Das menschliche Gehirn ist jedoch nicht auf eine dauerhafte Informationsaufnahme eingestellt, sondern selektiert sensorische Reize nach ihrer situativen Relevanz. Zur Informationsverarbeitung benötigt der Mensch regelmäßig Phasen der Verinnerlichung, die mit sensorischem Rückzug und körperlicher Ruhe einhergehen. Eine anhaltende Informationsflut im „open space“-Büro erschwert den ausgleichenden Prozess von Informationsaufnahme und -verarbeitung. In der Multimedia-Gesellschaft sind viele Menschen schlichtweg überfordert, sich einige Minuten auf einen Sachverhalt zu konzentrieren. Genügen ihre Leistungsvoraussetzungen den erweiterten Arbeitsanforderungen auf längere Sicht nicht, so kann sich dies nachteilig auf ihre Arbeitsergebnisse und ihr gesundheitliches Befinden auswirken. Unsere menschlichen Leistungsvoraussetzungen unterliegen erheblichen Schwankungen im Tagesverlauf. Abwechslungsreiche Tätigkeitsanforderungen lassen sich diesen Schwankungen besser anpassen. Ausgleichend wirkt zudem, wenn die Beschäftigten weitgehend eigenständig über die Bearbeitungsfolge ihrer Aufgaben entscheiden. Derartige Formen der Selbstregulation können sich auch auf das Arbeitsumfeld erstrecken. Dann entscheiden Beschäftigte etwa selbst, wann sie ihre Bürotür schließen, um ungestört zu arbeiten.

Welche Bedeutung fällt Möblierung und Büroraumkonzeption bezogen auf die Gesundheit zu? Was können Architektur und Innenarchitektur leisten?
Grundsätzlich gilt es, Büro- und Möblierungskonzepte konsequenter an den zweckmäßigen Bedürfnissen der Büroarbeiter auszurichten. Büroarchitektur soll unterstützen, komplementäre Prozesse zu integrieren. Das heißt, neben funktionalen Begegnungs- und Kommunikationszonen sind Räume für konzentriertes Arbeiten oder vertrauliche Besprechungen unabdingbar. Um zu sich selbst zu kommen, benötigt der Mensch äußere Grenzen – auch in Form von klar gegliederten Raumstrukturen. So lässt sich die individuelle Sphäre zurückzuerobern. Aus arbeitswissenschaftlicher Perspektive sind Bürolandschaften differenziert zu gestalten. Überschaubare Arbeitszonen wirken einer unerwünschten Schallausbreitung entgegen und ermöglichen wirksame Klimatisierungs- und Lüftungskonzepte. Zudem verringert sich hierdurch der Bedarf an explizit ausgewiesenen Besprechungsräumen, die ja sowieso meist ausgebucht sind.

Künftig soll es eine noch größere Verschmelzung zwischen Arbeit und Freizeit geben als bisher. Damit kommen erhöhte Anforderungen in puncto Selbstorganisation und freie Zeiteinteilung auf moderne Wissensarbeiter zu. Wie hoch sehen Sie die Gefahr der Selbstausbeutung?
Offensichtlich steigt das Risiko der Selbstausbeutung bei zeitlich und räumlich entgrenzten Arbeitsformen, bei der Verschmelzung zwischen Arbeit und Freizeit. Daher fordern Hirnforscher eine klare Abgrenzung von Arbeitszeit und Freizeit. Letztlich wird aber nur das „Selbst“ – also der mündige Mensch – die Gefahr der Selbstausbeutung erkennen und dieser entgegenwirken können.

Wie kann Entspannung am Arbeitsplatz gefördert werden? Werden hierfür auch Änderungen bei der Arbeitsschutz-Gesetzgebung nötig sein?
Bewegung baut Stress ab. Eine Reihe bewährter Entspannungsübungen, die mit einer intensivierten Selbstwahrnehmung einhergehen, lassen sich auch im Büro praktizieren.

Das Arbeitsschutzrecht regelt allgemeingültige Belange. Dabei mag es durchaus geboten sein, bestehende Vorschriften etwa zur Arbeitszeit oder zur Arbeitsstättengestaltung auch im Büro konsequenter umzusetzen. Dennoch bin ich skeptisch, ob der Zunahme arbeitsbedingter Gesundheitsstörungen mit umfangreicheren Vorschriften begegnet werden kann. Gesetze sind prinzipiell nur wirksam, wenn man Verstöße nach objektiven Kriterien sanktionieren kann – wie etwa durch behördliche Maßnahmen im Feld der Arbeitsmarktpolitik. Im Fall der gesundenden Sozialbeziehungen sind die Möglichkeiten der Einflussnahme überbetrieblicher Institutionen jedoch begrenzt, da sich vertrauensvolle Kooperationsweisen nicht anordnen lassen. Letztlich vertraue ich auf die Einsicht von Unternehmern, Führungspersönlichkeiten und Mitarbeitern, die sich aus eigener Initiative für gesunde Arbeitsbedingungen einsetzen, um Interesse, Engagement und Gemeinsinn der Büroarbeiter nachhaltig zu stärken. Verbote und Gebote können hierbei faire und verbindliche Rahmenbedingungen schaffen.



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