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Interview mit David Cleaves

Kreative in Kontakt
Interview mit David Cleaves

David Cleaves
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Im "Mensch&Büro"-Interview sagt David Cleaves, Leiter des Münchener Studios von frog design, dass sich neue Technologien und veränderte Arbeitsweisen auf das berufliche Miteinander auswirken. Bei vielen kreativen Prozessen setzt frog design allerdings weiterhin auf die gleichzeitige Anwesenheit der Teammitglieder.

Mensch&Büro: Arbeitsmodelle und ihre Nachhaltigkeit sind eines Ihrer Fachgebiete. Wie werden sich diese Modelle in den kommenden Jahren ändern?

David Cleaves: Viele der Veränderungen können wir schon in den jüngeren Startups und an Arbeitsplätzen in Europa, den USA und in anderen Teilen der Welt beobachten. Seit die Digital Natives zu den Belegschaften gestoßen sind, verändern sie die Technologien, die wir bei der Arbeit nutzen, die Organisationsstrukturen von Unternehmen und definitiv auch die Umgebung, in der wir arbeiten. Flachere Hierarchien, flexiblere Arbeitsplätze und Zeitpläne, Konsumenten-IT am Arbeitsplatz, eine stärkere Überlagerung von Arbeit und Privatleben — das sind alles Tendenzen, die weiterhin die Zukunft bestimmen werden. Auf längere Sicht bin ich persönlich gespannt darauf, wie sich diese drei Zukunftsszenarien auswirken werden: Wie wird das autonome Automobil der Zukunft als mobiler Raum für Arbeit und Spiel funktionieren? Wie wird sich die Arbeitskraft weiterhin grenzüberschreitend globalisieren? Und da ich selbst auf die 40 zugehe, frage ich mich – und frog arbeitet daran: Wie lassen sich alternde Belegschaften an neue Technologien, Arbeitsplätze und Unternehmenskulturen anpassen und wie kann man sie dabei unterstützen? Wir reden viel über nachrückende Generationen und ihre Erwartungen, aber die Zukunft der Arbeit in Europa wird zweifellos ebenso durch die Notwendigkeit bestimmt sein, die Aktivität und Beschäftigung ‚älter werdender Fachleute‘ weiterhin zu gewährleisten.
Mensch&Büro: Was bedeutet das für Büroarbeitsplätze und Büroarbeitsbereiche? Cleaves: frog setzt sich bei seiner Arbeit viel mit Smart Home und künftiger Mobilität auseinander. Da wir Lösungen und Strategien für die Vernetzung von Wohnung und Fahrzeugen entwickeln, beobachten wir eine stärkere Vermischung von Zuhause, Transport und Büro. Außerdem sehen wir Bedarf für eine stärkere gemeinsame Nutzung von Raum für verschiedene Funktionen und Rollen. Die ‚sharing economy‘ hat uns gezeigt, wie sich Autos und Wohnungen effizient nutzen lassen. Genauso müssen wir auch bei der Entwicklung von Arbeitsumgebungen stärker auf Konzepte des Teilens setzen. Die Idee, dass zu jeder Arbeitskraft, jedem Team oder jeder Funktion ein eigener Arbeitsplatz gehört, verliert zunehmend an Überzeugungskraft.
Mensch&Büro: Welche Art von Büroumgebungen eignet sich für die Herausforderungen der Zukunft am besten?
Cleaves: Es wird für Ihre Leser nicht neu sein, dass Flexibilität für gutes Bürodesign entscheidend ist. Das wird immer wichtiger, wenn Teilen und Vermischen der Raumnutzung zwischen dem Zuhause und dem Büro weiterhin zunimmt. Bei frog basiert alles, was wir tun, auf einer Designpraxis, bei der Menschen im Mittelpunkt stehen. Darum treten wir unbedingt dafür ein, die Angestellten – soweit es die Vernunft erlaubt – bei der Gestaltung ihrer eigenen Arbeitsplätze mitwirken zu lassen.
Mensch&Büro: Viele Angestellte wählen für ihre Arbeit bevorzugt verschiedene Orte innerhalb und außerhalb der Unternehmensgebäude. Welche Voraussetzungen sind Ihrer Ansicht nach notwendig, um das zu unterstützen? Cleaves: Je nach Art der Arbeit können Fragen wie der Datenschutz und die Sicherheit von Unternehmensinformationen natürlich entscheidend sein, und es gibt Arten von ortsgebundener Arbeit, die sich für die Erledigung von außen nicht eignen. Auch bestimmte Arten von kreativen Aufgaben werden am besten von Teams in enger Zusammenarbeit geleistet. Es gibt Teams, die das gut aus der Ferne machen können, aber in vielen Fällen wird die beste und schnellste Arbeit von physisch gemeinsam anwesenden Teams geleistet. Abgesehen davon können viele Aufgaben auch effizient unterwegs oder aus der Ferne erledigt werden. Aber selbst in den Fällen, in denen ein flexibler Mitarbeiter überall tätig sein kann, sind einige Schlüsselprinzipien zu beachten:
1.) die Notwendigkeit, dass der einzelne Angestellte für seine Arbeit in hohem Grade verantwortlich und mittels Technologie sichtbar ist. 2.) klar definierte Verhaltensregeln bezüglich Meetings und Zusammenarbeit. 3.) regelmäßige Rückmeldungen vom Team über den Fortgang der Arbeit, und Korrekturen wenn etwas schief läuft.
Mensch&Büro: In welchen Fällen wäre es besser, zusammen am selben Ort und zur gleichen Zeit zu arbeiten?
Cleaves: Bei frog sind wir der Meinung, dass bestimmte Arten der Arbeit von Teams verrichtet werden, die zusammensitzen, während andere Aufgaben sehr leicht aus der Ferne und im Alleingang bewältigt werden können. Allgemein gesagt: Wenn ein gemischtes Team von Entwicklern, Strategen und Technologen dabei ist, in schneller Folge neue Konzepte und Ideen zu entwickeln und darzustellen, dann arbeiten sie unserer Meinung nach am besten eng gemeinsam zusammen. Darum bezeichnen wir unsere frog-Büros in aller Welt als ‚Studios‘ — nach dem Vorbild der Künstler und Handwerker von einst. Unsere jüngeren Fachleute lernen ständig von den Älteren – und umgekehrt. Das funktioniert gut, wenn wir zusammen an der gleichen Werkbank stehen.
Mensch&Büro: Viele soziologische Studien in Deutschland und Westeuropa haben ergeben, dass verschiedene Generationen, von den Babyboomern bis zur Generation Z, in Hinblick auf Arbeitszeiten, Anwesenheitszeiten, Flexibilität und Büroarbeitsumgebungen ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben. Wie sollte ein Unternehmen auf all diese Bedürfnisse reagieren?
Cleaves: Wenn möglich, ist Flexibilität immer eine gute Sache. Einige Kernstunden und -pflichten sind sinnvoll, aber wir bei frog sind sehr ergebnisorientiert. Wenn ein Team oder ein einzelner Mitarbeiter die Fähigkeit zeigt, auch bei einer unorthodoxen Konstellation das gewünschte Ergebnis zu liefern, ist uns das völlig recht. Da spielt es auch eine Rolle, dass sich die Vorstellung, wer ein Angestellter ist oder in unserer kleinen Welt, wer ein ‚frog‘ ist, in Richtung einer flexibleren Auffassung verändert, so dass nicht jeder als ‚Vollzeitkraft‘ gilt. Denn wir können ja unterschiedliche Typen von Angestellten mit verschiedenen Vereinbarungen haben, die alle als Teil ein und derselben Unternehmenskultur zusammenarbeiten.
Mensch&Büro: frog Design hat elf Studios in den USA, Europa und Asien. Wie arbeiten die Angestellten von frog über diese geographischen Distanzen hinweg zusammen?
Cleaves: Nun, wir reisen immer noch viel, um uns zu treffen, weil wir genauso mit unseren Händen wie mit unseren Köpfen arbeiten. Aber die Zusammenarbeit aus der Ferne bestimmt einen großen Teil unseres Lebens bei frog. Wir benutzen viele Hilfsmittel, sowohl solche aus dem Konsumentensektor wie professionelle: Slack, HipChat, Skype, WebEx, Confluence, um nur einige zu nennen. Und wir nutzen feststehende Gewohnheiten wie tägliche Stand-up-Meetings am Anfang und Ende des Tages, um dezentral lokalisierte Teams zur Kooperation und zum Austausch zusammen zu bringen.
Mensch&Büro: Was unternehmen Sie, um einerseits die Zusammenarbeit zu befördern und andererseits ruhige Arbeitsplätze anzubieten?
Cleaves: Eine Kleinigkeit, die wir getan haben, war es, jedem einen Set von geräuschunterdrückenden Polk Nue Era-Kopfhörern zu Weihnachten zu schenken, ein von frog entwickeltes Produkt! Aber ernsthaft: Das ist ein Thema, bei dem wir weiterhin an Verbesserungen arbeiten, indem wir die Aufteilung von öffentlichen und privaten Bereichen in unseren Studios neu gestalten. Mir gefällt die vorherrschende Tendenz zu kleinen Telefonzellen und Meeting-Bereichen mit halbprivatem Charakter wo Einzelne oder kleine Teams ihre Sitzungen abhalten können, und daneben gibt es größere Räume. In München stecken wir mitten in einer von den Angestellten geleiteten Neugestaltung unserer Arbeitsumgebung, durch die sich das Verhältnis von öffentlichem und privatem Raum verändern wird und zwar mit einer Tendenz zu mehr öffentlichem Raum, sowohl für die Arbeit als auch für das (kreative) Spiel.
Mensch&Büro: Bemerken Sie Unterschiede zwischen Ländern, Kulturen und Altersgruppen? Was bedeutet das für die Formen der Zusammenarbeit?
Cleaves: Ja, besonders hier in unserem Münchner Studio sind wir ein besonders multinationales Team. Es kommt häufig vor, dass an einem Projekt mit sieben oder acht frogs jeder aus einem anderen Land mit einer anderen Muttersprache kommt. Manchmal bedeutet das, dass wir mehr Zeit brauchen, um uns gegenseitig Ideen zu vermitteln, weshalb wir unter Umständen langsamer werden, aber das hat in meinen Augen große Vorteile. Zum einen zwingt es die Teams, stärker auf visuelle Kommunikation zu vertrauen als auf schriftliche oder verbale Darstellungen und Metaphern. Außerdem bemühen sich unsere multinationalen Teams um die Lösung globaler Probleme und da könnte ein monokulturelles Team zu mangelhaften Entwürfen oder Strategien führen. Und was die Altersunterschiede betrifft, finde ich, dass sogar die älteren Leute bei frog alle im Herzen Kinder sind!
Das Interview führte Gabriele Benitz
Foto: privat
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