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Ein Mikado-Spiel von J. Mayer H.

AKTUELL
Ein Mikado-Spiel von J. Mayer H.

Berliner Star-Architekten bauen Pavillon für KA300

Ende November 2014 beginnt der Bau des neuen architektonischen Highlights des Berliner Architekturbüros J. Mayer H. in Karlsruhe. Hier entsteht für den 300. Stadtgeburtstag direkt neben dem Karlsruher Schloss ein Pavillon, in welchem im kommenden Jahr 15 Festivalwochen lang vom 17. Juni bis 27. September 2015 verschiedenste Veranstaltungen, über 500 an der Zahl, stattfinden werden.

Nach dem Festivalsommer wird das temporäre Bauwerk wieder abgebaut, sodass nur die Besucherinnen und Besucher in diesem Zeitfenster den Pavillon zu Gesicht bekommen werden.

Das renommierte Architekturbüro J. Mayer H. errichtet regelmäßig internationale Projekte überall auf der Welt. Mit dem Pavillon zum Stadtgeburtstag 2015 kehrt der Firmenchef in die Heimat zurück. Im Schlossgarten lässt er als „Herzstück des Festivalsommers“ eine Begegnungsstätte für die Menschen in Karlsruhe und Gäste entstehen. Auf und im 16 Meter hohen Holzstabskonstrukt zündet die Stadt Karlsruhe hier 15 Wochen lang ein Feuerwerk an Ideen. Räumlich offen konzipiert nach den Ideen des Büros von Jürgen Mayer H.

Genau genommen kennt er Karlsruhe eigentlich schon seit Kindertagen. Als Heranwachsender ist Jürgen Herrmann Mayer oft hierher gefahren, um aktuelle Ausstellungen wie „Klassiken und Klassizismen“, kuratiert vom Kunstverein Karlsruhe, zu besuchen. Und natürlich „… der vielen Baggerseen wegen im Umland.“ Auch Kultur, eben Badekultur. Insofern war Karlsruhe einer der ersten Kulturorte, in denen der gebürtige Schwabe Architektur bewusst wahrgenommen hat. Die Weinbrenner-Bauten der Fächerstadt, aber auch neumoderne Gebäude wie das Kaufhaus Schocken in seiner Heimatstadt weckten sein endgültiges Interesse für skulpturale Architektur. An der Universität Stuttgart, am Cooper Union College in New York sowie in Princeton lernte er zuerst die Regeln des Bauhandwerks, um diese dann zu brechen und die eigene Kunst herauszuarbeiten. Es folgten branchenweit anerkannte Stadtgebäude wie das „Metropol Parasol“ in Spanien, das „Waterfront Centre“ in Belgrad, oder die „Facade of Countenance“ in China. Etliche weitere Projekte im Ausland später verschlägt es den mittlerweile international renommierten Architekten erneut nach Nordbaden. Für den Festivalsommer zum Stadtgeburtstag 2015 plant er gemeinsam mit der Rubner Holzbau GmbH einen multifunktionalen Pavillon. Gemeinsam sind sie ein bewährtes Team.

„Wir haben schon 2007 beim Bau der Mensa Moltke gemerkt, dass es mit der Firma Rubner sehr gut funktioniert, Leute an einem Ort zusammenzubringen, wo sie sich aufhalten und begegnen können“, erklärt Mayer. Mit seinem Berliner Architektenteam und dem Augsburger Bauunternehmen errichtete er bereits vor sieben Jahren sein „Nutellagram“ in der Weststadt, um der gewachsenen Studentenanzahl in Karlsruhe gerecht zu werden. Die damalige Aufgabe bestand darin, einen flexiblen Raum zu schaffen, der bestehende Einrichtungen erweitert, sich in die lokale Nachbarschaft einpasst und zur neuen Adresse des Campus von Fachhochschule, Pädagogische Hochschule und Kunstakademie Karlsruhe wird. Für den jetzigen Stadtgeburtstagspavillon 2015 gilt es nun, einen Begegnungsort für die gesamte Stadt zu erschaffen. Und während das Kantineprojekt vor sieben Jahren vom Studierendenwerk Karlsruhe respektive dem Land Baden-Württemberg noch per Architektenwettbewerb ausgeschrieben war, richtete sich die Pavillon-Ausschreibung an Architekten und Baufirmen gemeinsam, sprich: Planung und mögliche Umsetzung sollten in einem Entwurf eingereicht werden. Zudem ist die Festivalbühne nur zeitweilig angelegt und wird nach dem Geburtstagssommer komplett zurückgebaut, die Materialien werden anderswo weiterverwendet. Das Bauwerk benötigt kein permanentes Fundament, sondern nur einige Träger, um die offen angelegte Holzstabsstruktur zu sichern. Der architektonische Ideenprozess erfolgte für beide Projekte jedoch nach einem ähnlichen Muster.

Im Schnitt zwei bis drei Kollegen aus dem Architekturbüro Mayers setzten sich anfangs mit der Historie Karlsruhe und den räumlichen Gegebenheiten auseinander. Dabei werden die Qualität des vorliegenden Grundstücks geprüft und lokale Nachbarschaften miteinbezogen. Für Karlsruhe speziell: Barockresidenz, Schlossgarten und Hardtwald. „Wir arbeiten manchmal an drei Entwürfen parallel, bis wir final herausfinden, welcher mehr Potential hat“, so der Bürochef. „Es ist ein unausweichlicher Suchprozess, den man für jedes Projekt neu durchgehen muss.“ Endgültig entschieden hat sich Mayers Team auf eine Pavillon-Skizze, die Bezug nimmt auf den strahlenförmigen Stadtgrundriss mit dem Schlossturm im Zentrum. Ein idealer Ansatzpunkt, um die Stadt zu feiern und das bestehende Straßenraster weiterzudenken.

Die bisherigen Entwurfbilder zeigen eine dreidimensionale Gitterstruktur, die gewollt verzogen ist, also keinen singulären Fixpunkt zum Schloss hin hat. Die Region Baden und das ihr übergeordnete Deutschland leben längst nicht mehr in einer absolutistischen Monarchie. Von daher die verschiedenen Fluchtpunkte im neuzeitlichen Pavillon, erklärt der Architekt. „Die Idee von Individuum und Gemeinschaft, von verschiedenen Fluchtpunkten im Chaos haben wir hier etwas freier interpretiert.“ Das Karlsruher Veranstaltungshaus mit seiner lichtdurchlässigen Gitterstruktur ist offen für hereinströmende Besucher, Künstler und neue kreative Ideen. Und ähnlich wie der Mensch gedanklich mal in sich kehrt, lassen sich auch einzelne Räume des Pavillons je nach Bedarf mittels transluzenter Membranen abschließen. „Bei bestimmten Wetterbedingungen ist das manchmal nötig, genauso, wenn darin wertvolle Technik aufgebaut und gesichert werden soll“, so Mayer. „Ansonsten ist es aber wirklich eine sehr offene Struktur, durch die der Schlosspark durchfließt.“

Der Schlossgarten mit seinen das Areal umschließenden Bäumen bildet den Ausgangspunkt für das hauptsächlich verwendete Material beim Pavillon. „Holz ist emotional positiv besetzt und damit sehr interessant für einen Ort, an dem sich Menschen wohlfühlen sollen“, stellt er fest. Die nachhaltige Ökobilanz dieses natürlichen Materials ist angesichts dessen nur ein zweitrangiger Aspekt bei der Wahl eines Rohstoffs. Wobei vor allem die ungewöhnliche Optik den unwissenden Betrachter zum temporären Veranstaltungsort locken soll. „Wir geben Karlsruhe ein Gebäude, mit dem es aufgrund seiner ikonenhaften Gestaltung speziell zum Stadtgeburtstag auf sich aufmerksam machen und als touristische Einrichtung auch Nicht-Karlsruher anziehen soll“, so der Ideengeber.

Ähnliche skulpturale Bauten kreierte der Berliner Architekt bereits für internationale Auftraggeber in Belgien, Spanien und Georgien. Für ein neues Justizgebäude im belgischen Hasselt etwa orientierte er sich mit der abstrakten Baumstruktur direkt am eigentlichen Stadtwappen, der Haselnuss, sowie der mittelalterlichen Tradition, unter großen alten Bäumen Gericht zu halten. In Sevilla ließ er mit dem „Metropol Parasol“ einen Pilz gen Himmel wachsen und in Tiflis warf er eine futuristische Schleife in die Landschaft.

„Die Architektur von uns hat oft einen sehr skulpturalen Charakter, wodurch schnell solche bildhaften Vergleiche entstehen“, weiß Mayer, der dem jeweiligen Projekt bereits beim Entwerfen im Team bestimmte Namen gibt. Seiner Auffassung nach gehört es für einen zeitgenössischen Architekten, einfach dazu, dass er emotional zugängliche Geschichte anbietet, damit seine Kunst überhaupt erkannt wird. Von daher stört es ihn kaum, wenn der Karlsruher Pavillon bereits im Vorfeld oft mit einem „Mikado-Spiel“ assoziiert wird. „Es sieht doch jeder etwas anderes darin. Nur sollten wir als Architekten nicht die Idee der Interpretation vorgeben, vielmehr jeder seine eigene Annahme der Interpretation finden können.“ Und eben dieser spielerische Ansatz und dessen Umsetzung in Karlsruhe unterstreichen den Feiergedanken des 300. Stadtgeburtstages.

Aktuell lässt Mayer in Düsseldorf ein 19-geschossiges Wohnhochhaus direkt am Rhein bauen. Als Zentrum eines gemischten Quartiers im Stadtteil Heerdt soll es seinen Bewohnern einen direkten Blick auf die Altstadt am anderen Ufer liefern und somit die linksrheinische Silhouette neu prägen. Es ist ein nachhaltiges Mammutprojekt, doch nur eines von vielen, an denen sein Team über das Jahr hinweg arbeitet. Für den Chef besonders reizvoll sind allerdings die temporären Projekte wie der Pavillon zum Karlsruher Stadtgeburtstag im Sommer 2015.

„Man darf es nur für eine gewisse Zeit genießen und schon ist es vorbei, dadurch gewinnt es an Attraktivität“, so Mayer. Überhaupt stehen temporäre Projekte für die Unsicherheit in unserer Gesellschaft. Was heute als richtig gilt, kann morgen schon wieder falsch sein. Und eben dies gelte auch für die Diskussion über nachhaltige Architektur, so der Wahl-Berliner. „Gute Architektur ist automatisch nachhaltig, weil sie die aktuelle Zeit auf den Punkt bringt.“ Für die Pinakothek der Moderne in München hatte er im vergangenen Jahr eine „Schaustelle“ kreiert, die für den Zeitraum, während das eigentliche Gebäude zwecks Sanierungsgebäude geschlossen war, als dreidimensionale Ausstellungsfläche diente. Als wörtliches Hybrid zwischen Schaulager und Baustelle glich der Bau anfangs einem unfertigen Gerüst und entwickelte mit den folgenden Wochen und unterschiedlichen Installation seine künstlerische Spielart. Eine ähnliche kulturelle Vielfalt ist für den Karlsruher Pavillon angedacht, in dem sich zwischen 300 bis 500 Personen aufhalten können. „Allein schon der Kommentar mit ‚Streichholz-Burg’ zeigt doch, dass unser Projekt etwas bei den Leuten bewegt, eine Art Auseinandersetzung stattfindet“, meint er Architekt. „Wenn sich die Besucher drin wohlfühlen und eine Art lokale Aneignung stattfindet, haben wir für Karlsruhe schon viel erreicht.“ Mit der kulturellen Bespielung selbst ist er nicht beauftragt. Mayer hat bei der Baustruktur bewusste Freiräume gelassen, um eine individuelle Raumgestaltung des Pavillons für unterschiedliche Formate zu ermöglichen.

Bleibt nur noch die Frage, warum der in Stuttgart aufgewachsene und nunmehr in Berlin beheimatete Architekt seinen Geburtsnamen nicht nur verkürzt, sondern regelrecht verdreht hat. „Weil es schon so viele Jürgen Mayers gibt“, sagt er. „Als ich Anfang der Neunziger in die Hauptstadt kam, gab es einen gleichnamigen Maler, der zehn Jahre älter ist; zudem einen zehn Jahre Jüngeren, der Videokunst betreibt. So ist es dann abends in einer Laune entstanden…“ Und geblieben ist: Jürgen Mayer H.

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