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Berauschende Artenvielfalt und Brücke zwischen Meeren

Frank Gehrys Biomuseum in Panama-Stadt | Hörtipp
Museum mit fulminanter Artenvielfalt

Das Biomuseum in Panama-Stadt wurde von Frank Gehry entworfen (deutschlandradio / M. Marek)
Das Biomuseum in Panama-Stadt wurde von Frank Gehry entworfenI Bild: deutschlandradio / M. Marek

Fulminante Artenvielfalt

Panama ist berühmt für seinen Kanal und berüchtigt als Steueroase. Weniger bekannt ist, dass das kleine Land auch eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Erde gespielt hat. Daran erinnert in Panama-Stadt jetzt das Museum der Artenvielfalt, das der berühmte Architekt Frank Gehry entworfen hat. ( Von Michael Marek und Sven Weniger)

Der Amador Causeway mit seinem Yachthafen vor den Toren von Panama Stadt ist eine künstliche Landzunge im Pazifik – dort, wo der berühmte Panama-Kanal beginnt:

„Von hier können Sie den Kanal sehen und die Brücke Puente de las Américas. Unter dieser Autobrücke fahren die Schiffe durch. Hier beginnt der Panamakanal auf der pazifischen Seite“, erklärt der Umweltaktivist und Museumsdirektor Líder Sucre.

Von hier aus hat man einen großartigen Blick auf die historische Altstadt mit ihren prachtvollen Kolonialgebäuden und den schimmernden Wolkenkratzern im Finanzviertel. Und genau an dieser begehrten Toplage liegt auch ein zweites, ebenso spektakuläres Bauwerk: das Museum der Artenvielfalt, das sich der einzigartigen Naturgeschichte Panamas widmet. Bei seiner Eröffnung erklärte dessen Direktor:

„Die Besucher finden hier ein Gebäude vor, das mit nichts zu vergleichen ist, was Sie jemals gesehen haben! Das Museum, entworfen von Frank Gehry, einem der renommiertesten Architekten weltweit, ist ohne erkennbare Ordnung, voll asymmetrischer Formen, schwebender Dächer, außerordentlicher Farben. Seine Buntheit ist ein Symbol für Panamas Vielfalt der Flora und Fauna.“

Buntes Musem vorläufig eröffnet

2020 erstrahlt das „Museo de la Biodiversidad“, das an ein Werk aus Kinderhand erinnert – aus riesigen, wild ineinander verkeilten Bauklötzen – nicht nur wegen seiner Farbenvielfalt. Erst jetzt, mehr als fünf Jahre nach seiner vorläufigen Eröffnung, wurden die letzten Ausstellungshallen fertiggestellt. Das Biomuseum, das einzige Bauwerk Gehrys in Lateinamerika, war für Panama ein langwieriger logistischer und finanzieller Kraftakt. Museums-Kuratorin Meera Sachanandani:

„Das Atrium des Biomuseums hat eine überaus spannende Architektur. Im Dach mit seinen abstrakten Formen erkennen manche Besucher Schmetterlinge, andere Bäume. Tatsächlich stellen die massiven Hauptträger einen Baumstamm dar, die schmaleren Querbalken die Äste. Die offene Dachkonstruktion ist also wie ein Blattwerk. Wenn es regnet, gibt es einen Effekt wie im Dschungel. Das Wasser fällt an einigen Stellen bis zum Boden, genau wie im Regenwald.“

Eine symbolische Klammer zwischen den zwei Meeren

Das Dach gleicht einem wilden Puzzle aus roten, grünen, gelben und blauen Flächen und ist zweifellos der große Hingucker des Museums. Das Atrium darunter, ein marktplatzgroßer, offener Raum, über den tropische Brisen vom Pazifik ziehen, ist Treffpunkt für Besucher aus aller Welt. Zugleich fungiert es als Übergang zu den beiden Ausstellungsgalerien. Und es ist symbolische Klammer zwischen den zwei Meeren und den zwei Kontinenten, für die Panama steht.

„Amerika war der letzte Kontinent, den Menschen besiedelten, vor 15 bis 20.000 Jahren. Die Zuwanderung nach Panama war der Ursprung dessen, was wir hier heute die „Große Diversität“ der Ethnien nennen. Es gibt Schwarze, Chinesen, Weiße und so weiter. Niemandem sieht man an, dass er Panamaer ist. Wir sind alle eine Mischung der Kulturen und Gene. Wir sind Teil von allem – wir sind eins!“

Für die Galerie zur „menschlichen Besiedlung“ wurde eigens eine Musik komponiert aus Gesängen, Melodien und Instrumenten der Geschichte Panamas. Vor 60 Millionen Jahren gab es dort, wo heute Panama ist, nur Wasser. Nord- und Südamerika waren zwei getrennte Kontinente. Vulkane ließen zuerst einige Inseln entstehen, schließlich bildete sich eine Landbrücke zwischen den beiden Erdteilen, erklärt Kuratorin Meera Sachananandani:

„Panama ist so jung, dass hier nie Dinosaurier lebten. Aber es gab etwas anderes, ungeheuer spannendes: die Megafauna. Riesige Exemplare von Tierarten, die es heute noch gibt. Vor fast drei Millionen Jahren kam es hier zu einem Schlüsselereignis: dem Aufeinandertreffen von Arten, die sich nie vorher gesehen hatten. Wir sehen Tiermodelle in Originalgröße, wie sie von Norden nach Süden und umgekehrt wanderten. Die Lamas Südamerikas zum Beispiel kamen aus dem Norden. Es gab Riesenpferde, Mastodonten, Ameisenbären und ein Riesenfaultier mit langem Fell, das sechs Meter groß wurde und auf den Hinterbeinen stehend die Blätter der Bäume fraß. Es wurden Fossile dieses Tieres gefunden. Viele Arten, aber nicht alle, sind inzwischen ausgestorben.“

Panama – Ort einer der größten Artenvielfalten der Welt

Als sich die neue Landbrücke geschlossen hatte, nutzte die Tierwelt die neue Verbindung zum sogenannten „Großen Amerikanischen Faunenaustausch“. Riesenpferde, Mastodonten, Säbelzahnkatzen wanderten in den Süden, Riesenfaultiere, Gürteltiere, Ameisenbären in den Norden. Die Hälfte der heutigen Säugetierarten Südamerikas stammt aus dem Norden, ein Fünftel der Zuwanderer aus dem Süden setzte sich in Nordamerika durch. Die gesamte Megafauna wurde ausgerottet, meist durch den Menschen. Tortzdem beherbergt das kleine Panama heute eine der größten Artenvielfalten weltweit. Doch diese Artenvielfalt ist auch stark gefährdet. Davon erzählen etwa 90 DIN A4-Tafeln in einer Farbfolge von grün bis schwarz. Oft gehen Besucher daran achtlos vorbei. Doch geben sie einen ebenso faszinierenden wie beunruhigenden Blick auf den Artenpool Panamas:

„Wir stehen nun im letzten Bereich dieser Galerie. Wir sehen hier viele Tafeln in verschiedenen Farben, jede steht für eine Tierart. Jeden Tag werden in Panama neue Arten entdeckt … Und obwohl wir noch kaum etwas über sie wissen, sind einige schon vom Aussterben bedroht. Ich mag besonders das Zwergfaultier. Es wurde erst 2001 auf der kleinen Karibikinsel Escudo de Veraguas entdeckt und ist schon in Gefahr, für immer zu verschwinden. Als sich das Land aus dem Meer erhob, wurde es auf dieser Insel isoliert. Dieses Zwergfaultier gibt es nur hier, und wir sind sehr stolz darauf, weil es sehr hübsch ist.“

Vieles aus der Geschichte Panamas kam durch die Kanalerweiterung zutage. Ein 70 Millionen Jahre alter Monolith, der älteste Stein des Landes, wurde dabei in der Fahrrinne entdeckt und ist nun eines der Schmuckstücke des Biomuseums.

Im Museum wird man Zeuge eines epochalen Klimawandels

Welche dramatischen Folgen die Trennung der Ozeane im heutigen Panama nach sich zog, zeigen Diagramme und virtuelle Animationen. Doch ist vor allem Einbildungskraft gefragt, sich die globalen Konsequenzen dieser Teilung vorzustellen.

„Es gibt eine Theorie, die sagt, dass alle Menschen Panamaer sind. Als nämlich Panama aus dem Meer aufstieg, wurden kalte Meeresströmungen nach Afrika umgeleitet und ließen dort Savannen entstehen. Dadurch gab es weniger Bäume, und der Urmensch Austra­lopithecus stieg herab und begann zu laufen.“

Je weiter sich der Besucher auf die Details des Museums der Artenvielfalt einlässt, desto dramatischer wird er Zeuge des epochalen Klimawandels – ausgelöst durch eine an einigen Stellen nur 50 Kilometer breite Landbrücke. Kuratorin Meera Sachanandani betritt den neuesten Bereich des Museums für Artenvielfalt:

„Diese Hallen sind erst seit kurzem geöffnet. Die erste ist dunkel, das Wichtigste sind hier vier riesige beleuchtete Aquarien, die die verschiedenen Ökosysteme vorstellen. Als Panama entstand, vereinigten sich nämlich nicht nur zwei Kontinente. Auch trennten sich die Ozeane Pazifik und Atlantik. Die Nährstoffgehalt der wärmeren Strömungen des Atlantik nahm dadurch ab, die Fische wurden kleiner, bunter, Korallen entstanden. Der kältere Pazifik entwickelte dagegen mehr Nahrung, die Meeresfauna wurde größer und stärker.“

Inhalt ist wichtiger als Gebäude

So mag es zwar die berauschende Architektur des Biomuseums sein, die die Menschen zunächst in ihren Bann zieht. Viel fantastischer ist jedoch das, was darinnen erzählt wird. Und das sei, wie schon Direktor Líder Sucre sagte, ganz im Sinne des Architekten:

„Frank Gehry hat uns folgendes erklärt: ‚Was immer im Museum zu sehen sein wird, der Inhalt muss größer und wichtiger sein als das Gebäude selbst. Die Ausstellungen sollen die Besucher mehr beeindrucken als mein Museum. Panama hat eine großartige Geschichte zu erzählen, aber ihr müsst mir beweisen, dass ihr dazu in der Lage seid. Zeigt mir das!‘ Und wir haben es ihm bewiesen! Und dann hat er gesagt: ‚Okay, ich entwerfe euch das Museum!‘“

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