Tourismus im Kosovo | Hörtipp

Ein Hotel als Ort der Begegnung

Einen Raum schaffen, in dem Menschen zusammen leben und arbeiten, egal zu welcher Volksgruppe sie gehören – im Hotel Gračanica scheint das zu klappen (Deutschlandradio / Christoph Kersting)
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»Ein Hotel als Ort der Begegnung« – Urlaub im Kosovo? Das klingt für die meisten Menschen eher abenteuerlich. Zu negativ ist das Image der kleinen Balkan-Republik. Ein ehemaliger Schweizer Diplomat will, dass sich das ändert, und hat in Pristina ein Hotel eröffnet. Neben Erholung will er auch für Verständigung zwischen den Ethnien sorgen.

Der Sonntagsbrunch, inzwischen eine Institution im Hotel Gračanica – und jedes Mal eine Menge Arbeit für Samira und ihre Kolleginnen in der Hotel-Küche. Samira, 42 Jahre alt, mit knallroter Schürze, brutzelt in einer großen Pfanne Rührei, daneben, in einer Art Wok, simmert ein Eintopf mit Rindfleisch und Gemüse vor sich hin – eine Art „kosovarisches Stew“, erzählt Samira mit breitem Lächeln. Sie ist Roma und erzählt auf Romanes, ihre beiden Kolleginnen sind Serbinnen.

„Ich arbeite seit sechs Jahren hier im Hotel, und ich komme gerne hierher. Die Stimmung ist einfach gut unter den Kollegen. Ich spreche auch Serbisch und Albanisch, wie es gerade passt. Wer zu welcher Volksgruppe gehört, das spielt hier im Hotel keine Rolle.“

Möbel und Teppiche aus dem Kosovo
Einen Raum schaffen, in dem Menschen zusammen leben und arbeiten, egal zu welcher Volksgruppe sie gehören – genau diese Idee hatte Hotelbesitzer Andreas Wormser immer vor Augen. Der 61-Jährige kommt eigentlich aus der Schweiz, war früher Diplomat – und würde dabei in seiner lässigen Lederjacke, den markanten Gesichtszügen und seinen imposanten 1,90 Meter auch als jüngerer Bruder von Clint Eastwood durchgehen. Und auch er muss heute arbeiten, inspiziert eines der schlicht-eleganten Zimmer im ersten Stock, in dem eine kleinere Reparatur ansteht.

„Also fast alle Möbel hier sind lokal hergestellt – das Holz kommt allerdings aus Österreich und Slowenien, weil Kosovo zu wenig nutzbare Wälder hat. Es ist ein Schreinermeister aus der Region Prizren, der die ganze Inneneinrichtung gebaut und teils auch entworfen hat. Die Teppiche sind mehrheitlich aus dem Kosovo, zumindest aus dem Balkan.“

2013 hat der Schweizer in Gračanica sein Hotel gebaut: 15 Zimmer, moderne Architektur, ein kleines Restaurant. Das Hotel bezeichnet sich als einziges „Boutique Hotel“ im Kosovo. Im Garten ein Pool – schlicht und in hellem Beton –, der auch gut nach Florida passen könnte. Von hier aus geht der Blick ins weite, hügelige Grün des Umlands.

Roma-Lieder: Ein schwieriges Thema im Kosovo
Der Garten füllt sich langsam, etwa 30 Gäste haben es sich auf der Liegewiese oder am Außenpool mit Liegestühlen bequem gemacht und genießen die Morgensonne. Unter einem Baum haben auch Ersad und Jimmy mit ihrer Gitarre ein schattiges Plätzchen gefunden. Die beiden jungen Männer sind ebenfalls Roma, wohnen im Nachbarort und spielen fast jeden Sonntag im Hotel, erzählt Ersad:

„Die Musik ist eher ein Hobby für uns. In unseren Liedern geht es viel um das Leben der Roma, wie es früher war, als wir noch von Ort zu Ort gezogen sind. Wir treten aber selten auf, der Sonntag hier im Hotel ist eigentlich unser einziger regelmäßiger Termin. Roma-Lieder zu singen ist nicht ganz einfach hier im Kosovo. Viele Albaner sagen ja noch immer, die Roma hätten im Kosovo-Krieg mit den Serben kollaboriert, was nicht stimmt. Aber darum ist es nach wie vor schwierig für uns als Roma hier.“

Steinig, war auch der Weg, den Andreas Wormser bis zur Hoteleröffnung vor sechs Jahren gehen musste. Immerhin rund 1,5 Millionen Euro aus einer Erbschaft hat er in sein Projekt gesteckt.

„Also ich kannte ja den Kosovo, und ich wusste, dass es schwierig werden würde. Aber es war alles mindestens doppelt so schwierig.“

14 geschlagene Monate musste er auf die Baugenehmigung warten. Um weitere Monate verzögerte sich der Bau, weil Andreas Wormser sich weigerte Schmiergelder an Behörden zu zahlen. Und nach der Eröffnung war es lange Zeit schwierig das Hotel überhaupt zu buchen im Internet, weil die meisten Buchungsplattformen es mit der Ortseingabe „Pristina“ nicht fanden. Dabei sei gerade diese Randlage abseits der Hauptstadt interessant für Besucher, findet der Hotelchef:

„Also jeder, der Ruhe will, Natur, Wandern, Joggen und doch sehr nah am Zentrum von Priština sein möchte, der ist hier ideal aufgehoben.“

Und: Nur zehn Fußminuten vom Hotel entfernt liegt das serbisch-orthodoxe Weltkulturerbe-Kloster Gračanica: eines der wichtigsten Bauwerke der byzantinischen Kunst aus dem 14. Jahrhundert. Ebenfalls ganz in der Nähe kann man eine der bedeutendsten römischen Ausgrabungsstätten auf dem Balkan besichtigen: Ulpiana.

Ein Hotel als Brücke zwischen den Kriegsparteien
Andreas Wormser ist kein gelernter Hotelier: Nach dem Ende des Krieges 1999 kommt er als Schweizer Gesandter für Flüchtlingsfragen zum ersten Mal ins Land. Er soll erkunden, ob die während des Krieges in die Schweiz geflohenen Kosovaren wieder in ihre Heimat zurückgeschickt werden können. Es herrscht zwar offiziell Frieden, doch die Gräuel des Krieges haben tiefe Gräben hinterlassen zwischen den Volksgruppen: Albanern, Serben und auch Roma. Eine Brücke bauen über diese Gräben, nicht im großen Maßstab, sondern quasi im Mikrokosmos eines kleinen Hotels – diese Idee lässt den Schweizer nicht mehr los damals:

„Die Idee war schon auch etwas für die Roma zu tun. Ich hatte viel mit Hilfsorganisationen zu tun vorher. Habe mir auch selber überlegt etwas in diesem Bereich zu machen. Aber ich fand es dann erfolgversprechender etwas zu tun, wo Roma eben keine Hilfsempfänger sind, sondern sich mit Leistung beweisen können, ganz normale Arbeitsstellen ausfüllen können.“

Das Hotel eröffnet er schließlich mit zwei alten Freunden: Hisen Gashnjani und Atlan Gidžic, beide Roma. Wormser stellt sie als Hotel-Manager ein. Auch alle anderen Angestellten sind aktuell Roma oder Serben – aber es gab auch schon albanische Frauen, die im Hotel gearbeitet haben. Viele hätten ihm einen Vogel gezeigt, als er anfing seine Idee von einem multiethnischen Hotel wirklich in die Tat umzusetzen – nicht zuletzt seine Frau, die in Deutschland lebt und alle paar Wochen nach Gracanica reist. Gab und gibt es auch ernste Anfeindungen? Andreas Wormser winkt ab, will das Thema nicht zu hoch hängen:

„Jetzt schon lange nicht mehr, und auch vorher war es eigentlich nur im Internet, wo wir Hasskommentare bekamen, von beiden Seiten: von Albanern und von Serben. Auch jetzt mag es noch Leute geben, das wurde uns zugetragen, die nicht kommen, weil wir eben ein „Roma-Hotel“ seien. Was die ethnischen Konflikte anbetrifft, ist unser größtes Problem, dass viele Albaner nicht oder nur widerwillig kommen, weil wir eben in einer Enklave sind.“

Unterstützer: Projekt grenzt an ein Wunder
HosenGashnjani war von Anfang an mit dabei, hat aber im vergangenen Jahr seinen Posten als Hotelmanager aufgegeben. Von der Idee des Projekts war und ist er bis heute überzeugt:

„Ich war am Anfang ja auch eher skeptisch, was das Projekt hier angeht, aber was Andreas Wormser hier geschaffen hat, das grenzt schon irgendwie an ein Wunder. Er hat hier Jobs für Menschen wie mich geschaffen, hat gezeigt, dass man ein Hotel auch mit zwei Roma-Managern führen kann. Das ist ein ganz wichtiges Signal an alle Menschen im Kosovo, egal ob Albaner, Serben oder Roma, dass so etwas wie hier funktioniert, wenn man es nur will. Ich übertreibe auch nicht, wenn ich sage: Unser Hotel hier könnte da durchaus ein Vorbild sein für ganz Kosovo.“

Bis dahin ist es sicherlich noch ein weiter Weg. Aber das kleine Hotel am Rand der Hauptstadt Pristina ist zumindest ein Ort, der Hoffnung macht. (Text: Christoph Kerstin)

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