> BAUFORTSCHRITT - 2. QUARTAL


»Linien«

Ich kenne mich weder im Bereich Architektur noch mit Zaha Hadid im Speziellen besonders gut aus. Trotzdem ist mir die Linienführung in den Entwürfen des Phaeno, die ich gesehen habe, immer wieder ins Auge gefallen. Mehr noch in den Computer- animationen, Renderings und Zeichnungen als im realen Modell. Auch andere Projekte Zaha Hadids wie die Ski-Schanze oder der Landesgartenschau-Pavillon in Weil am Rhein scheinen von Schwung und Dynamik der optischen Linien geprägt zu sein.

Mit der Linienführung wollte ich in meinen Fotos umgehen. Zum einen will ich die Linien, die in einer Zeichnung am Stück gezogen werden, auf einer Betonbaustelle wiederfinden, zum anderen will ich sie gerne selber weiterziehen. Und so kommt es dazu, dass ich zwei Konzepte, die sich unmittelbar bedingen, nebeneinander verfolge.

Serie in Schwarz/Weiß:
Diese Bilder stellen mein Ausgangsmaterial dar, in denen ich Schwünge, Linien, und Formen des entstehenden Bauwerks suche und sammele. Die Lockerheit der Computeranimation wird hier in der Realität unter enormem Aufwand in Form gezwungen. Das Gebäude entsteht nicht wie sein Eindruck homogen von innen heraus, sondern es wird zusammengegossen, zusammengeflickt. Ein Betonbogen ist hier auf der Baustelle auf halber Höhe abgebrochen und wird Wochen später weitergeführt. Der Besucher des Phaenos wird ihn später als schwungvolle Linie erleben. Auch aus der Sicht von oben finden sich in jeder Bauphase organischen Bogenformen, obwohl sie später nie jemand wahrnehmen kann, weil Decken und Dach sie, zum Teil, verschließen. Mich interessiert es, diese Innenstruktur offenzulegen und einzugreifen, wie es dann in den Farbbildern geschieht.

Serie in Farbe:
Beim Betrachten und Fotografieren der Baustelle fallen mir Stellen ins Auge, an denen ich in die Linienführung eingreifen möchte. Beispielsweise dadurch, dass ich eine Linie weiterführe oder ihre Richtung ändere. An einer anderen Stelle reizen mich Formen dazu, sie nachzuahmen und etwas zu ihnen dazuzusetzen. Für diese temporären Eingriffe setze ich meinen Körper ein. Das Foto fixiert den Moment und macht mich zum Bestandteil der Linie oder Form, die ich verändere oder variiere.

Katharina Timner
Bewerbung: Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
Studiengang: Kunstpädagogik
»Mikro und Makrokosmos«

1. Mikrokosmos der, die kleine Welt des Menschen als verkleinertes Abbild des Universums; Ggs.: Makrokosmos.

2. Makrokosmos, Universum, Weltall; Ggs.: Mikrokosmos.

Ich bin kein Botaniker, kein Biologe, kein Kosmologe, kein Astrologe oder gar Metzger. Ich bin ein suchender Photograph, der jedoch verwandt durch die Welt streift, der verführt festhält, der sie zerlegt. Zum Phaeno kommen, erscheint mir bedingt durch mein eigenes photographisches Anliegen als ein Unterfangen, welches ich angehe, indem ich berufsverwandt photographiere.

Meine Welt des Phaenos ist zerlegt, zersetzt sich, ist ein Fortschreiten, ist ein biologischer Akt. Jedes Herantasten ist auch ein sich Entfernen; jedes Rätsel, welches man scheinbar löst, bedingt doch das nächste; wenn man denkt, den Bau komplett zu erfassen, stellt man fest, dass der nächste Tag den Bau neu beleuchtet; er ist ein eigenes Mysterium, ein eigener Kosmos.

In der Mikro- und Makrowelt versuche ich ihn zu erfassen, um Schlüssel zu finden, die mir Türen eröffnen, um doch ein wenig von ihn zu verstehen. Jedes Teil äussert etwas über das Ganze, seine Charakteren sind unterschiedlich, seine Bestandteile vielleicht bekannt und doch hier neu zusammengesetzt, ergeben etwas ganz Neues.

Ich weiss, dass ich ihn liebe und doch werde ich zwischen den Polen hin- und hergerissen, dem Mikro und dem Makro.

"In sieben Tagen schuf Gott die Welt. Danach traten ihm die Baumeister und Ingenieure zur Seite, um zu vollenden, was der Herr nicht zu Ende gebracht hatte. Seitdem pflügen sie die Erde um und sind bis heute nicht fertig.”
Michael Mönninger (*1958), dt. Journalist (FAZ)

Sascha Weidner
Bewerbung: Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
Studiengang: Freie Kunst
Der Schmetterling im Trockendock

Ich gehe durch den Raum. Der Raum ist am Entstehen. Er bekommt eine Form. An ihm wird noch gefeilt, gegossen, geformt. Stangen stützen ihn, geben der Form Halt– versperren mir den Weg, füllen den Raum. Sie negieren ihn. Ich kann mich zwischen den Stangen nicht orientieren. Senkrechte Stützen, waagerechte Streben und Querstangen ergeben ein Labyrinth. Wege durchziehen es; Licht markiert es. So wie es sich mir darstellt, wird es nicht bleiben. Es entsteht ein Gefüge aus Formen. Hier und da blitzen sie schon auf. Eine Plastik entsteht, das Geformte wird erahnbar. In näherer Zukunft wird sie sich aus der Form geschält und ihre endgültige Gestalt angenommen haben. Das Stadium des Verpuppt-Seins ist dann vorbei. Das Gesamtgefüge braucht die Stützen nicht mehr. Durch das Wegnehmen der Stützen entsteht die endgültige Skulptur. Und ich kann meinen eigenen Weg zwischen den formulierten Formen finden. Der fertige Raum wird erfahrbar und seine Idee erkennbar. Ich photographiere beinahe jede Woche. Die Photographien zeigen die unterschiedlichen Raum- und Lichtwahrnehmungen über den bisherigen Zeitraum. Zwischen die anfänglich dominierenden Stützen schleichen sich immer mehr architektonische Formen. Manchmal meint man durch eine Schonung zu laufen, teilweise erinnert der Schmetterling an ein Schiff, das im Trockendock einer Werft liegt. Doch an einigen Stellen scheint er schon geschlüpft zu sein. Er beginnt, seine Flügel auszubreiten: auf ihnen spannt sich eine Bühne auf.

Matthias Langer
Bewerbung: Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
Studiengang: Freie Kunst
»Lichtpunkte«

Da der Rohbau im Wesentlichen aus Beton und Stahl besteht, entsteht durch das einfallende Sonnenlicht eine sehr kalte, aber interessante Stimmung. Es entstehen starke Abgrenzungen zwischen Hell und Dunkel, Wände werden indirekt beleuchtet, Oberflächen wirken kalt und sachlich. In der Tiefgarage steht eine Lache von Wasser, welches das Kunstlicht der Leuchtstoffröhren, sowie einfallendes Sonnenlicht reflektiert. Überall befinden sich kleine Öffnungen, welche die Rundungen des Rohbaus in einem außergewöhnlichen Licht erstrahlen lassen. Durch den Schattenwurf, der frei in der Luft stehenden Stahl-Armierung in den oberen Etagen wird ein interessantes Licht und Schattenspiel erweckt.

Ich möchte versuchen die entstehenden Stimmungen durch den Einfall des Lichtes, in Kombination mit dem architektonischen Thema Zaha Hadids, aufzunehmen und diese ungewöhnlichen Situationen im Bild zu erfassen.

Meine Arbeit beschäftigt sich also mit der Inszenierung von Licht, in den von Zaha Hadid entworfenen Räumen, deren Oberflächen durch die ungewöhnlichen Formen und Beleuchtungen modelliert werden. Dabei gehe ich durch alle Etagen des Gebäudes, vom Keller bis zum Dach und verfolge so die Spuren des Lichtes. Die im Keller erstellten Fotos werden durch den geringen Lichtanteil eine eher düstere Stimmung erhalten. Je weiter ich in den Etagen nach oben gehe desto mehr Licht wird in mein Objektiv fallen und desto freundlicher werden die entstehenden Momentaufnahmen.

Arne Friedrich
Bewerbung: Hochschule Magdeburg, Fachbereich Kreativi-tätstechniken
Studiengang: Gestaltung / Industriedesign
»Ir-real«

Das sich im Bauprozess befindende Phaeno, ein Bauwerk der aus dem Irak stammenden Architektin Zaha Hadid, wirkt wie ein rätselhaftes, geheimnisvolles Objekt. Es folgt dem Prinzip der Magic-Box. Der Aussenraum des Gebäudes durchdringt den Innenraum und umgekehrt. Es entsteht eine Transformation des inneren Raumes in den städtischen Aussenraum, eine bauliche Verbindung des Phaeno mit der Aussenwelt. Im Inneren des Gebäudes wird der Besucher einem Zwischenspiel aus Raum und Masse, von offenen und geschlossenen Elementen und von Bewegung und Stillstand ausgesetzt. Die gezielte perspektivische Verzerrung erlaubt die Orientierung zu verschiedenen, funktionalen Blickpunkten. Der Besucher wird dadurch aufgefordert zu entdecken und zu untersuchen, sich Fragen zu stellen und die gewohnten Antworten wieder zu verwerfen.


In den Ansätzen des Fotoprojektes geht es um den Betrachter der Fotos, der die gleiche Stellung wie der Besucher des Phaeno einnimmt. Es soll keine reine fotografische Dokumentation der Baustelle gezeigt werden, sondern eine Verbindung von realen analogen und irrealen digitalen Fotos. Diese Kombination hat den Sinn den Betrachter zum Entdecken und Erforschen zu animieren. Er soll das gezeigte Bild betrachten, hinterfragen und zu einem eigenen Ergebnis kommen, wodurch die Interaktivität des Betrachters mit den Fotos gefördert wird. Das Interesse auf das eigentliche Bauwerk Phaeno wird somit durch die einzelnen Fotos auf die gleiche Art und Weise geweckt, mit der das fertige Gebäude auf den Besucher wirken soll.


Jan Grothklags
Bewerbung: Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
Studiengang: Graphikdesign
»Gerüstwald«

Das in Wolfsburg neu entstehende Science Center "Phaeno" ist ein dekonstruktivistisches Gebäude. Es setzt sich über die Schwerkraft hinweg. Die besondere bautechnische Eigenschaft dieser schwebenden Struktur, die lediglich durch die konischen Körper eine Verbindung zum Boden hat, ist, dass sie erst eigenständig tragen kann, wenn die Rohbauphase nahezu vollständig abgeschlossen ist. Das Gebäude wird dann wie aus einem Guss erscheinen. Im Bauprozess zeigt sich diese Besonderheit durch die extrem hohe Bewehrung des Betons und durch die unglaublich hohe Dichte der tragenden Hilfskonstruktionen, der Gerüste. In diesem Gerüstwald ist es nur schwer oder gar nicht möglich, das Fliessende der Räume, die Zaha Hadid und ihre Mitarbeiter gezeichnet haben, zu erkennen. Vielmehr entwickeln die Hilfskonstruktionen eine Eigenästhetik, die geradezu gegensätzlich zum fertigen Gebäude ist. Das scheinbar chaotische Wirrwarr aus Stützen, Schalungen und Gerüstverstrebungen verfügt über ein Eigenleben welches, wenn das Gebäude fertig gestellt ist, in dieser Form nicht mehr erlebbar sein wird. Die Bewehrung verschwindet im Beton und die Gerüste werden abgebaut, sobald "Phaeno" sich selbst tragen kann.
Ich möchte die einmaligen räumlichen Qualitäten dieses komplexen Gefüges festhalten, indem ich die Struktur der Gerüste, die sich auf den Photographien eher als graphische [2-dimensionale] Zeichnungen darstellen, wieder in eine 3-dimensionale Struktur übersetze. Im scheinbar zufälligen Chaos der Hilfskonstruktionen lässt sich von bestimmten Standpunkten aus eine gewisse Ordnung erkennen und wie auf der Baustelle selbst, überlagern sich die Linienstrukturen je nach Blickpunkt auf unterschiedliche Weise.
Im 2. Teil der Arbeit soll der Wachstumsprozess und das Herausschälen der endgültigen Form aus den Gerüsten dokumentiert werden.


Nils Nolting
Bewerbung: Universität Hannover, Experimentelles Gestalten und Modellieren
Studiengang: Architektur